Glossar

Zu unserer Sprache

Auf unserer Website, in unserer Arbeit und unseren Texten bemühen wir uns, eine möglichst sensible und differenzierte Sprache zu verwenden. Dies ist uns vor allem deshalb ein Anliegen, weil Sprache Machtverhältnisse und gesellschaftliche Normen (re)produzieren und verfestigen kann. Wir wollen uns daher immer wieder mit unserer Sprache beschäftigen, um sie möglichst diskriminierungsfrei im Umgang untereinander und mit anderen zu benutzen. 

 

Ein wichtiges Thema ist in diesem Zusammenhang, ein möglichst gendersensible Sprache zu verwenden. Für die geschriebene deutsche Sprache gibt es viele verschiedene Möglichkeiten, die Vielfalt der Geschlechter darzustellen. In unseren Texten haben wir uns dazu entschieden, den Gender:Doppelpunkt als Platzhalter für die sogenannte Gender-Gap zu verwenden. Existierende Geschlechter, die bisher verdrängt wurden, sollen so sichtbarer werden, sie haben gewissermaßen Platz in der Lücke. Der Gender:Doppelpunkt ist eine der neusten Formen und gilt als in besonderen Maßen inklusive, da er von Sprachausgabeprogrammen für Blinde oder Menschen mit Sehbehinderung am besten wiedergegeben werden kann, indem für den Doppelpunkt eine kurze Sprechpause eingefügt wird.

Beispiel: Beschäftigte:r; Pfleger:in; Ärzt:innen

Glossar

Willkommen in unserem Glossar! Hier möchten wir Begriffe und Wörter aufführen, die unserer Meinung nach einer Definition, Erklärung oder eines Kommentars benötigen. Dabei befindet sich diese Liste in einem ständigen Bearbeitungsprozess.

Abtreibung Unter Abtreibung wird die medizinische vorzeitige Beendigung einer Schwangerschaft gemeint, welches umgangssprachlich häufig auch als Schwangerschaftsabbruch bezeichnet wird. In der medizinischen Fachsprache werden die Begriffe “induzierter Abort” oder “Abruptio/Interruptio graviditatis” verwendet. Die Bezeichnung “Abbruch” legt nahe, dass es in einem Stadium einer Schwangerschaft die Möglichkeit für die schwangere Person gibt, entweder die Schwangerschaft willentlich fortzuführen, welche in vielen Fällen in der Geburt eines Kindes endet, oder eben die freiwillige Beendigung der Schwangerschaft durch einen medizinischen Eingriff. Der Begriff “Abtreibung” hingegen wird seit längerer Zeit teilweise abwertend verwendet, zum Beispiel durch Abtreibungsgegner:innen, wenn sie eine Abtreibung als Mord bezeichnen. Im Sinne eines Reframings, gar einer feministischen Rückeroberung des Begriffs, verwenden wir bewusst das Wort “Abtreibung” (vgl. https://doctorsforchoice.de/ueber/begriffe/abbruch-abtreibung/).

 

Basisdemokratie ist eine Form der direkten Demokratie, in der der Entscheidungen von einer Gruppe gleichberechtigter Personen getroffen werden. Ein grundlegendes Prinzip dabei ist der Konsens: alle Mitglieder müssen einer Entscheidung zustimmen, ansonsten wird ein neuer Lösungsansatz diskutiert. Damit soll das Überstimmen von Minderheiten durch eine Mehrheit verhindert werden. Um in diesem Rahmen dennoch einen funktionalen Arbeitsprozess zu gestalten, ist es wichtig zu klären, welche Entscheidungen in einer allgemeinen Abstimmung getroffen werden müssen und welche nicht. In unserer Arbeit finden diese Entscheidungen im zweiwöchigen Plenum statt.  

 

BIPoC, PoC ist die Abkürzung von Black, Indigenous, People of Color (PoC). All diese Begriffe sind politische Selbstbezeichnungen, da sie aus einem Widerstand entstanden sind und bis heute für die Kämpfe gegen Unterdrückung und für mehr Gleichberechtigung stehen.

 

cis geschlechtlich bedeuetet, dass eine Person sich mit dem Geschlecht identifiziert, das ihr bei der Geburt zugewiesen wurde. Auch intergeschlechtliche Personen können cis sein. 

 

Gender meint in erster Linie die Geschlechtsidentität einer Person, die sie sich selbst innerhalb einer Gesellschaft gemäß ihren persönlichen Vorstellungen zuschreibt. Diese muss nicht mit der Geschlechterrolle übereinstimmen, die ihr die Gesellschaft aufgrund bestimmter körperlicher Merkmale zuordnet. 

Das bedeutet, dass die die Geschlechtsidentität einer Person mannigfaltige Entwürfe beinhalten kann, und keineswegs nur binär als “männlich” oder “weiblich” gedacht werden muss. Geschlecht ist in diesem Kontext also eher eine Konstruktion, die in der Biologie und der Medizin ihren Ursprung hat und der als normativer Kategorie immense gesellschaftliche Bedeutung zukommt, innerhalb der Personen und ihre Eigenschaften bewertet werden. Gender zielt auf eine Überwindung dieser starren Fremdzuschreibungen ab, indem es die Selbstzuschreibung in den Blick nimmt und fragt, was Geschlechtsidentität jenseits binärer Kategorien bedeuten kann (https://www.nature.com/news/sex-redefined-1.16943).

 

non-binary Nicht binäre Menschen sind nicht (nur) Mann oder Frau. Sie können sich z.B. zwischen diesen beiden Geschlechtern verorten, oder ganz außerhalb davon, oder auch gar kein Geschlecht haben (agender). Manche nichtbinäre Menschen sind auch gleichzeitig männlich und weiblich (bigender) oder haben eine Geschlechtsidentität, die sich immer wieder ändert (genderfluid).

  

Patriachat ist eine hierarchische Machtstruktur von sozialen Beziehungen innerhalb einer Gesellschaft, in der cis-Männer mehr Einfluss haben und maßgebend Werte, Normen, Verhaltensmuster, von cis-Männern geprägt, kontrolliert und repräsentiert werden. Das bedeutet die Unterdrückung aller nicht cis-männlichen Geschlechtsidentitäten, wie zum Beispiel Frauen, inter, nonbinary und trans Personen, aber auch intergeschlechtlichen cis-Männer sowie queere Menschen und generell alle, die nicht der vermeintlich normalen, heteronormativen Sexualität entsprechen. 

 

“Rasse” Die Behauptung von unterschiedlichen “Menschenrassen”, die auf äußerlichen Merkmalen wie Hautfarbe, Haarstruktur, Augenform und Ähnlichem beruht, entbehrt jeglicher wissenschaftlicher Evidenz. Dennoch findet sich immer wieder die Verwendung des Wortes “Rasse”. Vor allem im deutschsprachigen Diskurs hat das Wort “Rasse” seit der Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus eine negative Konnotation und wirkt nahezu unaussprechlich, während sich soziale Prozesse wie Rassismus und Rassifizierung gegenstandslos ereignen. Terminologische Ausweichmanöver wie auch der im Jahr 1950 von der Unesco vorgeschlagene Begriff ethnische Herkunft (oft auch Ethnizität oder Ethnie) bergen die Gefahr, die sachliche Härte und das alltägliche Leid, das die Strukturkategorie „Rasse“ hervorruft, zu verharmlosen. Auch in der Schreibweise des Begriffs „Rasse“ gibt es keine allgemeine Einigkeit. Die meisten kritischen und antirassistischen Auseinandersetzungen im deutschsprachigen Raum setzen den Begriff „Rasse“ in doppelte oder einfache Anführungszeichen, um die Problematik und Distanzierung zu dem Begriff zu verdeutlichen (vgl. „Gemachte Differenz. Kontinuitäten biologischer „Rasse“-Konzepte“. Franziska Maetzky. Hg. 2009 In: AG gegen Rassismus in den Lebenswissenschaften.

 

Race ist eine mittlerweile recht weit verbreitete Alternative bzw. Ergänzung zum Begriff „Rasse“. Als deskriptive Variable wird „race“ in historisch rassistischen Regimen wie Südafrika und den USA bereits seit vielen Jahrzehnten in epidemiologischen Analysen zur Identifikation gesellschaftlicher Unterschiede rassifizierter Bevölkerungsgruppen (Equality Monitoring) erfasst. Somit gewinnt „race“ gegenüber dem deutschen Begriff „Rasse“ einen haltbareren sozialen, kulturellen und politischen Bedeutungsgehalt und wird auch heute häufig in postcolonial und Critical Race Studies verwendet. 

 

Schwarz ist eine Selbstbezeichnung und beschreibt eine von Rassismus betroffene gesellschaftliche Position. „Schwarz wird großgeschrieben, um zu verdeutlichen, dass es sich um ein konstruiertes Zuordnungsmuster handelt und nicht um eine reelle Eigenschaft, die auf die Farbe der Haut zurückzuführen ist. So bedeutet Schwarz-Sein in diesem Kontext nicht, einer tatsächlichen oder angenommenen ‚ethnischen Gruppe‘ zugeordnet zu werden, sondern ist vor allem mit der gemeinsamen Rassismuserfahrung verbunden, auf eine bestimmte Art und Weise wahrgenommen zu werden.“ (Schaerer J. Über Schwarze Menschen in Deutschland berichten. Initiative Schwarze Menschen in Deutschland. Blogbeitrag 2013). In unseren Texten wird hingegen stellenweise eine von der Selbstbezeichnung Schwarz differierende Schreibweise gewählt. Immer wenn sich der Begriff explizit auf die dichotome subjektive Fremdkategorisierung in der Medizin bezieht, wird „schwarz“ klein geschrieben und in Anführungszeichen gesetzt, um die Problematik, Willkürlichkeit und die damit einhergehenden Machtstrukturen hervorzuheben.

 

Weißsein Hierunter wird primär die dominante und privilegierte Position innerhalb des Machtverhältnisses Rassismus gemeint, die meistens unbenannt bleibt. “Weiß” bezeichnet, genau wie “Schwarz”, keine biologische Eigenschaft und auch keine reelle Hautfarbe, sondern eine soziopolitische Konstruktion. “Weißsein” umfasst so ein unbewusstes Identitätskonzept, das weiße Menschen in ihrem Verhalten prägt und sie an einen privilegierten Platz in der Gesellschaft verweist. Angestoßen durch die politischen Kämpfe von PoCs, bedeutet die Reflexion auf Privilegien, das sogenannte kritische Weißsein, die Umkehrung der Blickrichtung auf diejenigen Strukturen und Subjekte, die Rassismus verursachen und davon profitieren.

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