Was ist Kolonialismus überhaupt? Für das Verständnis unserer neuen Rubrik über die Geschichte der kolonialen Medizin und die Auswirkungen postkolonialer Strukturen auf die heutige Gesundheitsversorgung, halten wir es für hilfreich, eine kurze Einleitung in die Begriffe des Kolonialismus und der postkolonialen Theorie anzubieten. 

 

Ein Text von Anastasia Akhalkatsi, David Kamiab Hesari, Hannah Kilgenstein, Julius Mutschler, Julius Poppel, Johanna Schwarz und Lorena Wanger

Malala Andrialavidrazana, Figures 1861, Natural History of Mankind, 2016, Ultrachrome ink on Hahnemühle paper Ultra Smooth 305g, 110 x 130 cm, © Malala Andrialavidrazana

Kurze Definition des Kolonialismus

Für die tiefere Beschäftigung mit den komplexen Zusammenhängen zwischen Kolonialismus und der modernen Medizin ist eine kurzer Einblick in die Definition und Geschichte des  Kolonialismus sinnvoll. Der Historiker Sebastian Conrad unterscheidet beispielsweise in einem Text für die Bundeszentrale für politische Bildung verschiedene Kernelemente des Kolonialismus. Laut Conrad beschreibt dieser ein hauptsächlich territorial geprägtes Herrschaftsverhältnis und lässt sich somit vom breiteren Begriff des Imperialismus abgrenzen, der allgemeiner das Bestreben nach einer Vormachtstellung in der Weltpolitik beschreibt. Daraus entsteht eine inhärente Trennung in kolonisierende und kolonisierte Gesellschaften. Sie sind durch eine ungleiche soziale Rangordnung geprägt und weisen dabei auch jeweils eine eigene Perspektive und Geschichte auf. Das Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnis sei  bedingt durch die Vorstellung seitens der Kolonisierenden, es bestehe ein unterschiedlicher Entwicklungsstand zwischen den beiden Gesellschaften. Genauer wird dabei die zu kolonisierende Gesellschaft als rückständig bewertet [1]. Dass diese Aspekte und Definitionen nicht gänzlich den historischen und globalen Umfang des Kolonialismus beschreiben können, sollte klar sein. Dennoch schaffen  sie eine gute Grundlage für weitere Diskussionen. Zudem bietet es sich in diesem Zuge an, einen gewissen historischen Zeitraum abzustecken und die Hochphase der kolonialen Weltordnung als spezifische Epoche zu betrachten. Angelehnt an Conrads Forschung, möchten wir uns in diesem Artikel auf den Zeitraum zwischen 1880 und 1960 konzentrieren, da diese Zeit einen bedeutenden Einfluss auf die Gegenwart hat und auch weiterhin im kollektiven Gedächtnis verankert ist [1].

Ein Überblick der deutschen Kolonialgeschichte

Die deutschen Kolonien wurden vom Deutschen Kaiserreich ab 1880 gegründet und mit Ende des Ersten Weltkrieges im Rahmen des Versailler Vertrags 1918 abgetreten. Sie umfassten Teile der heutigen Staaten Burundi, Ruanda, Tansania, Namibia, Kamerun, Gabun, Republik Kongo, Zentralafrikanische Republik, Tschad, Nigeria, Togo, Ghana, Neuguinea, und mehrere Inseln im Westpazifik und Mikronesien. Das deutsche Kaiserreich war damit die drittgrößte Kolonialmacht [2].

 

Interessanterweise scheint die deutsche Kolonialgeschichte, im Vergleich zu der anderer westlicher Staaten, immer wieder in den Hintergrund zu geraten, obwohl das deutsche Kaiserreich eine wesentliche Rolle in der Aufteilung des afrikanischen Kontinents innehatte. Denn vom 15. November 1884 bis zum 26. Februar 1885 fand auf Einladung des Reichskanzlers Bismarck die sogenannte Kongokonferenz statt, die auch Westafrika-Konferenz genannt wird und bei der die Handelsfreiheit am Kongo und am Niger geregelt werden sollte. Das Resultat, die Kongoakte, bildete im Folgenden das Fundament für die Aufteilung des afrikanischen Kontinents in Kolonien, bei der alle imperialistischen Großmächte beteiligt waren [3,4,5]. Obwohl das deutsche Kaiserreich im Vergleich zu Ländern wie Großbritannien oder Frankreich über eine relativ kurze Zeit Kolonien besaß, hat unsere koloniale Vergangenheit immer noch weitreichende sozioökonomische und kulturelle Auswirkungen – sowohl in den betroffenen Ländern als auch in Deutschland. Im Laufe der Zeit kam es dabei auch zu einer vermehrten Migration von Menschen aus afrikanischen Ländern nach Deutschland. Diese deutschen Staatsbürger:innen, welche oft als nicht deutsch gelesen wurden, begegneten immer wieder unterschiedlichen Formen von Rassismus und Diskriminerung [6]. 

Mit Ende des ersten Weltkriegs im Jahr 1918 musste Deutschland im Rahmen des Versailler Friedensvertrages mitunter das gesamte Kolonialgebiet abtreten – ein Umstand, der von vielen Politiker:innen zu der damaligen Zeit als Unrecht empfunden wurde. So wurden bereits in den ersten Jahren der Weimarer Republik Stimmen laut, die die Kolonien zurückforderten [7]. Bereits 1924 gründete sich beispielsweise im Auswärtigen Amt eine Kolonialabteilung. Zehn Jahre später, kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialist:innen, wurde das Kolonialpolitische Amt der NSDAP mit dem Ziel gegründet, die kolonialpolitischen Bestimmungen des Versailler Vertrags zu revidieren. Es kam allerdings nie zu einer weiteren Kolonialisierungsbewegung außerhalb Europas durch die Nationalsozialist:innen. Weshalb eine zweite Kolionalwelle ausblieb, ist unter Wissenschaftler*innen bis heute umstritten. In der Nachkriegszeit und den Anfängen der Bundesrepublik spielten die ehemaligen Kolonien und auch die koloniale Vergangenheit Deutschlands kaum eine Rolle [7].  

Erst in den 1980er Jahren, unter anderem angeregt durch Aktivist:innen der Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten, wie etwa Audre Lorde, entwickelte sich unter vielen Afrodeutschen ein stärkeres Bewusstsein für Fragen der Identität und gemeinsamer Interessen. So bildete sich unter anderem die Neue Schwarze Bewegung, deren Mitglieder Ausdrücke wie Afrodeutsche und schwarze Deutsche überhaupt erst etablierten [8]. Mittlerweile gibt es bekannte Organisationen von Afrodeutschen in Deutschland, wie der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD), sowie viele lokale und selbstorganisierte Gruppen für Menschen in der Diaspora. Nichtsdestotrotz bleibt die koloniale Vergangenheit Deutschlands häufig unterrepräsentiert. Insbesondere die Verbrechen an der einheimischen Bevölkerung afrikanischer Länder durch deutsche Kolonisierende bedürfen weitere Thematisierung. Die folgende kurze Darstellung des Völkermords der Deutschen an den Ovaherero und Nama Anfang des 20. Jahrhundert, sowie die gewaltsame Zerschlagung des Maji-Maji-Aufstands in Ostafrika zur etwa gleichen Zeit sollen daher als historische Beispiele für die Grausamkeit der kolonialen Gewaltherrschaft stehen. Sie können jedoch bei Weitem nicht die Komplexität und Vielseitigkeit der  deutschen Kolonialgeschichte abbilden. Um das gesamte Ausmaß zu erfassen, benötigt es einer tiefgreifenden und strukturellen Beschäftigung mit der Rolle Deutschlands in der Kolonialzeit, welche hierzulande  im Gegensatz zur Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit bisher  in den Hintergrund gerät.

Dennoch entwickelten sich in den letzten Jahren auf unterschiedlichen Ebenen der Gesellschaft Beispiele einer differenzierten postkoloniale Gedächtnis- und Erinnerungskultur. So findet sich in Bremen im Nelson-Mandela-Park das Antikolonialdenkmal. Dieses ehemalig als Reichskolonialehrendenkmal im Jahre 1931 errichtete Monument in Form eines Elefanten wurde 1989 zu einem Antikolonialdenkmal umgewidmet. 2009 wurde zusätzlich ein Erinnerungsort für die ermordeten Nama und Ovaherero während des Kolonialkrieges in Namibia von 1904 bis 1908 errichtet. Für die Gestaltung des Erinnerungsortes wurden Steine aus der Omaheke-Wüste in Namibia, in der viele Ovaherero nach der Schlacht am Waterberg verdursteten, nach Bremen geschafft [9]. 

Der Genozid an den Ovaherero (Singular: Herero) und Nama wurde im Rahmen der Niederschlagung von Aufständen in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika während der Jahre 1904 und 1908 verübt. Die Ovaherero waren ehemalige Hirten, die hauptsächlich im heutige Namibia lebten. Im Zuge der fortschreitenden deutschen Kolonialisierung Südwestafrikas entwickelte sich unter ihnen Widerstand gegen die deutsche Kolonialmacht, welcher im Januar 1904 zu einem Angriff der Ovaherero unter Samuel Maharero auf deutsche Farmen führte. Da die Schutztruppen der Kolonien zu Beginn auf einen Widerstand nicht vorbereitet waren, entsandte das deutsche Kaiserreich unter dem Befehl von Generalleutnant Lothar von Trotha 15.000 Soldaten, die bis August 1904 den Aufstand brutal niederschlugen. Von Trotha zielte dabei auf die völlige Vernichtung der Ovaherero ab. Sein Vorgehen wird deswegen als erster Völkermord des 20. Jahrhunderts gesehen, unterstützt durch die Militärführung im Kaiserreich und Kaiser Wilhelm II [10]. 

Geprägt durch die Gewalt der deutschen Truppen, formierte sich Widerstand in der Gruppe der Nama, die sich selbst ǀAwa-khoen nennen, was so viel wie „Rote Menschen“ bedeutet. Da ein offener Angriffskrieg gegen die technisch und militärisch weit überlegenen Kolonialstreitkräfte aussichtlos war, kam es zu einem langwierigen Guerillakrieg, der bis in den März 1907 andauerte. Dieser wurde durch einen deutschen Unterwerfungsvertrag beendet. Die deutsche rassische Vernichtungsideologie endete jedoch nicht mit der Kapitulation der ǀAwa-khoen, sondern damit, dass viele der überlebenden Menschen in Konzentrations- und Internierungslager gebracht und größtenteils ermordet wurden. Insgesamt hat der Völkermord in Deutsch-Südwestafrika ca. 40.000 bis 60.000 Ovaherero sowie etwa 10.000 Nama das Leben gekostet. Erst im Juli 2015 wurden die damaligen Ereignisse vom deutschen Auswärtigen Amt als Völkermord anerkannt [11,12,13]. 

 

1904 regte sich ebenfalls Widerstand der einheimischen Bevölkerung im Süden Deutsch-Ostafrikas. Im Gegensatz zu anderen lokalen Widerstandsbewegungen war der sogenannte Maji-Maji-Aufstand dahingehend besonders, als dass er einen Zusammenschluss vieler und verschiedener ethnischer Gruppe auf einem großen geographischen Gebiet ermöglichte. Er wird daher auch als einer der größten und primären Widerstandsbewegungen gegen die Kolonialherrschaft in Afrika gesehen. Trotz teils sehr unterschiedlicher kultureller Prägungen waren die dort ansässigen Menschen durch eine ähnliche spirituelle Weltanschauung verbunden. Dabei spielte unter anderem das „maji“, welches von dem swahilischen Wort für Wasser stammt, eine wichtige Rolle. Der entstehende Maji-Maji-Kult bildete die religiöse und ideologische Grundlage für den Widerstand. 

Jedoch auch dieser Aufstand endete in einer brutalen Niederlage. Ein Großteil der ermordeten Menschen starb nicht durch offene Kriegshandlungen, sondern durch eine Hungersnot. Die deutschen Truppen hatten nämlich ab 1907 begonnen, weite Teile der Felder und Dörfer niederzubrennen. Insgesamt wird die Opferzahl auf zwischen 75.000 und 300.000 Menschen geschätzt, davon circa 400 Angehörige der deutschen Schutztruppen [14,15,16].

Wichtige Aspekte der Kolonialzeit

Conrad betont in seiner Forschung mehrere wichtige Gegebenheiten in den Jahren zwischen 1880 bis 1960, die für das Verständnis der historischen Entwicklungen von Bedeutung sind [1]. Zum einen  befanden sich die kolonisierenden Staaten bereits in einem Prozess der Industrialisierung, welche das Ungleichgewicht zwischen Kolonisierenden und Kolonisierten durch moderne Technik, von der  Dampfmaschine bis hin zu automatisierten Waffen, nur umso mehr verstärkte. Zum anderen  steigerte die industrielle Produktion in Europa durch den wachsenden Bedarf an Rohstoffen die Nachfrage in den Kolonien. Als Resultat verwoben sich die Wirtschaftssysteme Europas und der Kolonien in Afrika zunehmend. Darüber hinaus befanden sich Europa, Nordamerika und auch Ostasien Ende des 19. Jahrhunderts inmitten einer umfassenden Umstrukturierung zu Nationalstaaten. Der damit einhergehende Prestigekampf beschleunigte das koloniale Streben der Staaten, indem der Zuwachs an Kolonien als Legitimation des nationalstaatlichen Projekts gedeutet wurde. Zuletzt fußte die Legitimation der Kolonialisierung ganz wesentlich auf einem Überlegenheitsgedanken von Aufklärung und objektiven Prinzipien der modernen Wissenschaften, wodurch die “Zivilisierungsmissionen” in einem Licht von  Universalität und Natürlichkeit erschienen.

Der Kolonisationsprozess muss als zentraler Bestandteil in der Entwicklung der politischen Weltordnung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts gesehen werden.

Der Kolonisierungsprozess muss somit als zentraler Bestandteil in der Entwicklung der politischen Weltordnung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts gesehen werden, denn staatliche und territoriale Grenzziehungen sowie ein großer Teil der Migrationsbewegungen und Siedlungsprojekte vollzogen sich unter kolonialen Bedingungen. Auch die soziokulturelle Ordnung der Welt, beispielsweise die konstruierte Unterteilung der Welt in einen globalen Norden und Süden, Missionstätigkeiten und unsere Vorstellungen von Modernisierung und Entwicklung, sind ein Ergebnis kolonialer Machtverhältnisse.

Die Legitimation der Kolonialisierung fußte ganz wesentlich auf einem Überlegenheitsgedanken von Aufklärung und objektiven Prinzipien der modernen Wissenschaften.

Am deutlichsten waren und sind die Auswirkungen der Kolonialzeit in den Kolonien selbst zu spüren. So wurde und wird die Zeit der Fremdherrschaft als tiefe Zäsur wahrgenommen, dessen Folgen einen transformativen Charakter hatten [17]. Dazu zählen tiefgreifende infrastrukturelle Veränderungen, wirtschaftliche Umwandlungen, die Etablierung neuer politischer Autoritäten sowie der Wandel kultureller Gegebenheiten, wie der Sprache und der Bildungssysteme. Dabei ist es  wichtig zu betonen, dass trotz des totalitären Anspruchs der Kolonialmächte verhältnismäßig große, vor allem ländliche Teile der kolonisierten Länder oft nur indirekt beeinflusst wurden oder sogar ganz unbeeinflusst blieben. Außerdem setzten die zahlenmäßig unterlegenen Kolonisierenden – insbesondere das British Empire – auch auf Formen der indirekten Herrschaft durch die Unterstützung lokaler Eliten. Die Folgen dieser intermediären Herrschaftsbefugnisse sind bis heute in vielen ehemaligen Kolonialgebieten spürbar.

Darüber hinaus sind auch die wechselseitigen Auswirkungen auf die kolonisierenden Länder interessant und geraten immer mehr in den Blick moderner Forschung, denn die bereits angesprochene Nationalisierung und der damit verbundene Imperialismus prägten selbstverständlich viele gesellschaftliche Prozesse und Diskurse in den kolonisierenden Ländern [18]. So waren die Kolonien auch immer ein Gesprächsthema unter den Menschen. Es entstanden romantisierte Vorstellungen von Exotismus und Abenteuer, welche durch Kolonialausstellungen und Völkerschauen, Brettspiele und Kolonialwarenläden, Zeitschriften und Kolonialromane in der Bevölkerung Verbreitung fanden. Zusätzlich wurden die Kolonien als Experimentierraum für Forschung und Entwicklung wahrgenommen. Forscher:innen erhofften sich wissenschaftliche Ergebnisse aus ihren Versuchen in den Kolonien, die zur Lösung sozialer und medizinischer Probleme zu Hause verwendet werden könnten. Bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts richteten deutsche Kolonisierende Lazarettstationen und Hospitäler ein, in denen beispielsweise verschiedene Medikamentendosierungen zur Behandlung von Malaria an der einheimischen Bevölkerung erprobt wurden [19]. So prägte der imperialistische und zivilisatorische Grundgedanke der Kolonisierung auch den Blick politischer und sozialer Akteure im eigenen Land. Dabei richtete sich die Zivilisierungsmission nicht nur auf die Bevölkerung der Kolonien, sondern auch auf die Unterschichten in den kolonisierenden Ländern. Als Folge der Industriellen Revolution sowie der fortschreitenden Urbanisierung hatten sich innerhalb der Arbeiter:innenschicht umfassende Missstände aufgetan, welche zusammengefasst unter dem Begriff der “Sozialen Frage” politisches Handeln erforderten. Ein Beispiel hierfür ist die unter Reichskanzler Bismarck eingeführte Sozialpolitik. Dazu gehörte unter anderem die Einführung von Arbeitsschutzmaßnahmen, welche vor allem mit Blick auf die deutsche Bevölkerungspolitik Schwangere und Kinder schützen sollte. Selbstverständlich trugen eine Vielzahl dieser Neuerungen zur Verbesserung der Lebensbedingungen bei. Dennoch stehen sie in einem Licht sozialer Ungleichheit und dienten zum Teil ökonomischen Zwecken [20].  

Postkolonialismus

Erst in den 80er Jahren wurden die oben genannten Perspektiven im Rahmen des neuen Forschungsfeldes der Postcolonial Studies wissenschaftlich beleuchtet, die im deutschsprachigen Raum auch als Postkolonialismus bezeichnet werden.  Die Etablierung einer postkolonialen Perspektive geht auf die Forschung des Literaturtheoretikers Edward Said, insbesondere dessen 1978 veröffentlichtes Buch „Orientalism“ [21], zurück. Jedoch lassen sich bereits bei Mahatma Gandhi oder Frantz Fanon in der Nachkriegszeit ähnliche, zu einer kritischen Bearbeitung des kolonialen Diskurses formulierte Positionen finden. Im Laufe der Nachkriegszeit wurde ein Großteil der ehemaligen Kolonien in die staatliche Souveränität entlassen, viele im Jahr 1960, das auch als „afrikanisches Jahr“ bezeichnet wird. Mosambik und Angola wurden jedoch erst 1975 unabhängig, und Hongkong erst 1997. Die ehemaligen Kolonialmächte Europas waren 1945 gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wirtschaftlich so geschwächt, dass ihnen die Aufrechterhaltung der Kolonien in ihrer ursprünglichen Form nicht möglich war. Der Prozess der Entkolonisierung war jedoch nicht mit der formalen Unabhängigkeitserklärung beendet. So ist eine Kernthese der postkolonialen Theorie, dass die Geschichte und die Auswirkungen des Kolonialismus, beispielsweise wirtschaftliche Abhängigkeitsverhältnisse, bis heute fortbestehen. Darüber hinaus führten die Eliten der neu entstandenen afrikanischen Staaten oft eine ähnliche Herrschaftspolitik fort. So befürchtete beispielsweise Mahatma Gandhi, die neue indische Regierung würde lediglich eine „English rule without the Englishmen“ fortführen [1]. 

Der Begriff “Postkolonial” beschreibt damit nicht nur die Zeit nach dem formalen Ende des Kolonialismus, sondern zielt vielmehr auf die kritische Analyse kolonialistischer Denkmuster und die Überwindung zentraler Annahmen eines kolonialistischen Diskurses ab. Dabei entwickelte sich in den 80er Jahren eine Analyse und Form der Kritik, die neben ökonomischen und technischen Faktoren der Kolonisierung, wie die  technisch-industrielle Überlegenheit der Kolonialmächte, auch sozio-kulturelle Faktoren in den Blick nimmt. So werden seitdem vermehrt kulturelle Dispositionen und Annahmen der kolonisierenden Gesellschaften, als zentrale Voraussetzung für den Kolonisierungsprozess betrachtet [17]. Zentral hierbei ist die allgemeine Annahme der westlichen Moderne, dass der Fortschritt einer Gesellschaft linear und universal erfolgt und dass dieser Fortschritt die erstrebenswerte Entwicklung von Gesellschaften ist. Dadurch wurden kulturelle Differenzen hierarchisiert und Gesellschaften in fort- und rückschrittlich eingeteilt. Es entstand ein Zivilisierungsgedanke, der  das Aufzwingen westlicher Strukturen sowie die Missionierung der Bevölkerung legitimierte. Postkolonialismus bedeutet deswegen ganz zentral auch, die Annahmen dieses eurozentristischen Weltbildes zu hinterfragen und die behauptete Universalität vieler seiner Kernelemente, wie das historische Entwicklungsdenken oder auch die Geschlechterordnung, kritisch zu hinterfragen [1,18].  

Postkolonialismus bedeutet ganz zentral, die ursprünglich eurozentristische Annahme des kolonialen Weltbildes zu hinterfragen.

Dieser Anspruch und dessen Methodik lassen sich am Beispiel der Wissenschaften verdeutlichen. So wurde das Wissen als Vorbedingung der europäischen Vormachtstellung gesehen. “Wissen” bedeutet hier zum einen die in den Kolonien durch Forschungsreisen gesammelten Erkenntnisse sowie zum anderen technische Errungenschaften, welche die Beherrschung der Kolonien erst ermöglichten. Nun stellt sich jedoch die Frage, wie sich die koloniale Erfahrung im Umkehrschluss auf die Wissenschaften auswirkte. In zahlreichen Disziplinen, wie der Ethnologie und der Medizin und insbesondere in Pseudowissenschaften wie der Eugenik, zeigen sich koloniale Denk- und Deutungsmuster. Es ist uns ein Anliegen, in den folgenden Texten einen solchen kolonialhistorischen und wissenschaftskritischen Diskurs in der Medizin anzustoßen. 

Literaturverzeichnis

  1. Conrad, Z., Eckert, Ziai, Dhawan, Martineau, Lehmkuhl, Ha, Kolonialismus. Aus Politik und Zeitgeschichte, 2012. Jahrgang 62. 44-45.
  2. Arnulf Scriba, Deutsches Historisches Museum, Berlin, 17. September 2014 https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/aussenpolitik/statistische-angaben-zu-den-deutschen-kolonien.html (aufegrufen am 29.12.2020)
  3. Vgl. Hendrik L. Wesseling, Teile und Herrsche. Die Aufteilung Afrikas 1880–1914, Stuttgart 1999
  4. Dorlis Blume (September 2014) https://www.dhm.de/lemo/bestand/objekt/sitzung-der-internationalen-kongo-konferenz-in-berlin-1884.html
  5. Zimmerer,J.  2015, https://www.bpb.de/apuz/202989/bismarck-und-der-kolonialismus)
  6. Dossier: Afrikanische Diaspora in Deutschland – Community.Bundeszentrale für politische Bildung, ohne Datum, abgerufen am 6. Mai 2019 (mit weiterführenden Hinweisen und Beiträgen).
  7.  Winfried Speitkamp: Deutsche Kolonialgeschichte. Reclam, Stuttgart 2005
  8.  Eleonore Wiedenroth-Coulibaly: Schwarze Organisierung in Deutschland. Bundeszentrale für politische Bildung, 10. August 2004, abgerufen am 6. Mai 2019.
  9. http://www.der-elefant-bremen.de/index.html
  10. Jürgen Zimmerer, Joachim Zeller (Hrsg.): Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904–1908) in Namibia und seine Folgen.Links, Berlin 2003, ISBN 3-86153-303-0.
  11. (https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/aussenpolitik/herero-krieg-1904.html
  12. https://www.deutschlandfunkkultur.de/verbrechen-an-herero-und-nama-der-ignorierte-voelkermord.1005.de.html?dram:article_id=426561
  13. https://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/176142/herero-aufstand-10-01-2014)
  14. (https://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/209829/der-maji-maji-aufstand
  15. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/aussenpolitik/maji-maji-krieg.html
  16. http://www.lwg.uni-hannover.de/wiki/Der_Maji-Maji-Krieg)
  17. Grewe, B. & Lange, T. (2015) Kolonialismus (1. Aufl.) Stuttgart, Deutschland: Reclam
  18. Sebastian Conrad/Shalini Randeria (Hrsg.), Jenseits des Eurozentrismus: Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften, Frankfurt/M. 2002.
  19. Sarah Ehlers, Europa und die Schlafkrankheit. Koloniale Seuchenbekämpfung, europäische Identitäten und moderne Medizin 1890 – 1950, Göttingen 2019
  20. Quellensammlung zur Geschichte der deutschen Sozialpolitik 1867 bis 1914, von Wolfgang Ayaß, Florian Tennstedt und anderen, 40 Bände, 1966 bis 2016.
  21. Said, E. W. (1978). Orientalism. New York: Pantheon Books
  22. Heinze, Franziska (2015). Postkoloniale Theorie. In Gender Glossar / Gender Glossary (5 Absätze). Verfügbar unter http://gender-glossar.de

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