Eine historische Einordnung

„Es gibt wohl keinen Beruf, der für Größe und Zukunft der Nation so bedeutungsvoll ist wie der ärztliche (…). Aber keiner ist auch so verjudet wie er und so hoffnungslos in volksfremdes Denken hineingezogen worden.“

Aufruf des nationalsozialistischen Deutschen Ärztebundes. In: Völkischer Beobachter vom 23.03.1933.

Die systematisierte Verfolgung und Verdrängung bestimmter Personengruppen in allen Lebensbereichen der nationalsozialistischen Diktatur spiegelte sich auch – bereits sehr früh – in der Ärzteschaft wider. Schon im März 1933 rief der Deutsche Ärztebund zur “Säuberung der deutschen Ärzteschaft” im Völkischen Beobachter auf. Das am 7. April 1933 erlassene Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums bildete die Grundlage für die unmittelbar darauf beginnende Entlassung von hauptsächlich jüdischen Beamten und Angestellten. Davon betroffen waren Professoren, Ärztinnen und Ärzte sowie medizinisches Personal an Hochschulen, in Gesundheitsämtern und staatlichen Krankenhäusern. Durch die Verordnung über die Zulassung von Ärzten zur Tätigkeit bei den Krankenkassen einige Tage später vom 22. April 1933 wurde „nicht arischen“ Ärztinnen und Ärzten und solchen, die sich „im kommunistischen Sinne betätigt“ hatten, die kassenärztliche Zulassung entzogen. Es wurde jüdischen Ärztinnen und Ärzten ebenfalls verboten, Ehrenämter in Aufsichtsgremien, in Ausschüssen oder als Berater und Gutachter wahrzunehmen. Die Bildung von Praxisgemeinschaften oder -vertretungen zwischen „arischen“ und „nicht-arischen“ Ärzten wurde auch verboten, ebenso wie Überweisungen an „nicht-arische“ Ärzte.

Mit den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 wurde eine Zweiklassengesellschaft im NS-Staat gesetzlich verankert. Mit der Schaffung der Reichsärztekammer am 13. Dezember 1935 wurde die Bezeichnung „Approbation“ in der Reichsärzteordnung durch den Begriff „Bestallung“ ersetzt. Dieser von den Nationalsozialisten eingeführte Begriff galt bis zum Inkrafttreten der Bundesärzteordnung am 1. Januar 1970, in welcher der ursprüngliche Begriff Approbationsordnung wieder verwendet wurde. 1938 wurde mit der Vierten Verordnung zum Reichsbürgergesetz den jüdischen Ärzten die Approbation entzogen. Gleichzeitig widerriefen die Universitäten die Promotionen. „Die gesamte Gesundheitspflege von Juden gereinigt“ – das titelte 1939 eine Zeitung in Berlin unter Bezugnahme auf NS-Reichsärzteführer Gerhard Wagner (1888–1939), der in einer Parteitagsrede verkündet hatte: „Der ärztliche Beruf und die medizinische Wissenschaft sind endgültig vom jüdischen Geist befreit worden.“ Das Berufsverbot bedeutete das Ende der beruflichen Existenz jüdischer Heilberufler. Nur noch einige wenige jüdische „Krankenbehandler“ durften mit einer widerruflichen Sondergenehmigung ausschließlich jüdische Patient*innen behandeln, ohne dabei die Bezeichnung „Arzt“ oder “Ärztin” führen zu dürfen. Zwischen 1933 und 1945 seien so mehr als 9.000 Ärztinnen und Ärzte aus ihrem Beruf gedrängt, in die Emigration oder den Selbstmord getrieben “oder, wie Millionen andere, ganz einfach umgebracht worden”.

24. März 1933
Ende März 1933 erfolgt die Gleichschaltung der ärztlichen Spitzenverbände mit Dr. Gerhard Wagner als ersten Vorsitzenden. Jüdische Ärzt*innen werden aufgefordert ihre Ämter in Vorständen und Ausschüssen niederzulegen
24. März 1933
1. April 1933
Wenige Tage später beginnt der Boykott gegen jüdische Ärzt*innen, Rechtsanwält*innen und Geschäftsleute. SA- und SS-Männer patrouillieren vor Praxen mit Schildern wie ‚Eine deutsche Frau, ein deutsches Mädchen geht nicht zum jüdischen Arzt!’.
1. April 1933
4. April 1933
Es wird ein Immatrikulationsverbot für Juden und Jüdinnen für das Medizinstudium an bayerischen Universitäten ausgesprochen.
4. April 1933
7. April 1933
Das ‚Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums’ wird beschlossen. Damit erfolgt die Entlassung aller Juden und Jüdinnen und politischen Gegner aus dem öffentlichen Gesundheitsdienst,- Ausnahme dabei sind Frontkämpfer und vor 1914 verbeamtete Ärzt*innen.
7. April 1933
22. April 1933
Wenige Wochen im Anschluss wird die Verordnung über die Zulassung zur Kassenpraxis angepasst. Die Folge ist ein=> Entzug der Kassenzulassung für viele jüdische Ärzt*innen, die somit ihre Praxis verlassen müssen.
22. April 1933
7. April 1933
Das ‚Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums’ wird beschlossen. Damit erfolgt die Entlassung aller Juden und Jüdinnen und politischen Gegner aus dem öffentlichen Gesundheitsdienst,- Ausnahme dabei sind Frontkämpfer und vor 1914 verbeamtete Ärzt*innen.
7. April 1933