Soziale Determinante

warum Krankheit und Gesundheit immer auch eine soziale Frage sind

Neben „Race“ und „Gender“ ist „Class“ als Diskriminierungsform die wirkmächtigste Querschnittskategorie in Gesellschaftsverhältnissen [1]. Soziale Ungleichheit ergibt sich zum großen Teil aus mangelnder Aufstiegsmobilität. Dies betrifft nicht nur direkt Menschen in „Armut“, „Prekarität“ und aus der „Untere Mitte“, sondern wirkt sich auch in den nachfolgenden Generationen fort: Die Herkunft aus einer bestimmten soziale Klassenlage hat sehr starken Einfluss auf die spätere Klassenposition. Dies liegt nicht nur an ungleicher Vermögensverteilung und Vererbung, sondern auch an  Chancenungleichheit im Bildungssystem und am Arbeits- und Wohnungsmarkt durch Klassismus: Vorurteile und diskriminierenden Zuschreibungen finden sich nahezu in allen Lebensbereichen und haben oft verheerende Konsequenzen, ob im sozialen Umfeld, im schulischen Alltag, bei Bewerbungsgesprächen und Wohnungsbesichtigungen oder bei der Kreditvergabe bei der Bank [2]Während die gesellschaftliche „Mitte“ zunehmend schrumpft, da konstant Menschen den Sprung nach  oben schaffen, sind die Aufstiegschancen für Menschen aus den unteren Klassenlagen deshalb sehr gering   [3]. 

 

 

Viele verschiedene internationale Untersuchungen und Studien weisen außerdem darauf hin, dass die globale Pandemie zu einer erheblichen Vergrößerung der Schere zwischen Arm und Reich führt, so kürte beispielsweise eine Publikation von Oxfam COVID-19 zum “Ungleichheitsvirus”. Die Autor:innen sehen die Corona-Pandemie dabei als eine Art Zäsur in der Geschichte der Menschheit. Erstmals seitdem Ungleichheit statistisch erfasst wird, droht sie in praktisch allen Ländern zur gleichen Zeit anzusteigen. Aktuelle Zahlen unterstreichen, wie sehr die Corona-Krise die Kluft zwischen Arm und Reich weiter vertieft. So dauerte es nur neun Monate, bis das Vermögen der reichsten 1.000 Milliardär:innen wieder den Stand von vor der Pandemie erreicht hatte. Für die ärmsten Menschen der Welt könnte die Erholung 14-mal länger dauern, also länger als ein Jahrzehnt [4]. Auch in Deutschland zeigt sich eine ähnliche Dynamik. Die neuen Maßnahmen der Bundesregierung zur Eindämmung der Verbreitung von COVID-19 zielen vor allem auf das Privatleben der Bevölkerung ab und bewahren Unternehmen weitgehend vor Einbußen. Daher erwarten Ökonom:innen durch die Beschlüsse bislang nur einen geringen Schaden für die deutsche Wirtschaft. Gleichzeitig zeigt eine neue Untersuchung, dass vor allem die ärmeren und prekär Beschäftigten Einkommenseinbußen in den vergangenen Monaten erlitten haben. Aufgrund geringer finanzieller Rücklagen und geringer berufliche Qualifikation betreffen die mit der Covid-Pandemie verbundenen Einkommensrisiken verhältnismäßig stark Menschen aus den unteren Einkommensklassen. Einerseits haben sie kaum finanzielle Rücklagen, andererseits birgt eine geringere berufliche  Qualifikation ein größeres Risiko für einen Arbeitsplatzverlust [5].  Wer schon vor der Corona-Krise ein niedriges Einkommen hatte, der verlor laut WSI (Wirtschaftliches und sozialwissenschaftliches Institut) überdurchschnittlich viel. So verzeichneten in der Gruppe mit einem Nettoeinkommen von weniger als 900 Euro knapp 48 Prozent der Beschäftigten Einbußen, bei denen, die mehr als 3200 Euro verdienten, lediglich rund 26 Prozent [6]

 

Oft unterrepräsentiert ist auch die Situation von Kindern und Jugendlichen, welche hier kurz Erwähnung finden soll. Allgemein lässt sich für Deutschland zeigen, dass Kinder und Jugendliche unter sehr unterschiedlichen Voraussetzungen aufwachsen. Nach Daten der amtlichen Statistik lebten im Jahr 2017 mehr als 2,7 Mio. Kinder und Jugendliche in Familien, deren Einkommen unterhalb der Armutsgrenze liegt. Dabei lässt sich zeigen, dass die Armutsrisikoquote in den letzten Jahren gestiegen ist und in der unter 18-jährigen Bevölkerung inzwischen bei über 20% liegt und damit deutlich höher als bei Erwachsenen im mittleren und höheren Lebensalter ist [7]. Für betroffene Kinder und Jugendliche bedeutet Armut und der damit verbundene stark begrenzte finanzielle Handlungsspielraum des Haushaltes, in dem sie leben, erhebliche Einschränkungen in Bezug auf die Lebensbedingungen und sozialen Teilhabechancen. Diese Situation hat sich durch die Corona-Krise weiter verschärft. So zeigt eine Umfrage von Kindern und Jugendlichen durch das Universitätsklinikum Hamburg eine erhebliche Einschränkung der Lebensqualität [8]. Zwei Drittel der Befragten Kinder und Jugendliche gaben an unter der aktuellen Situation stark zu leiden. Kinder mit einem geringeren sozioökonomischen Hintergrund oder Migrationserfahrung sind von psychosozialer Belastung und ihren gesundheitlichen Folgen signifikant stärker betroffen.

 

Soziale Herkunft, Migration und Geschlecht, bestimmt jedoch nicht nur die soziale Klassenposition in einer Gesellschaft, sondern bedingt auch die Vulnerabilität für Erkrankungen. So ist es nicht verwunderlich, dass eine niedrigere soziale Klasse, auch mit einem erhöhten Risiko für eine Infektion mit SARS-CoV-2 und einen schweren Verlauf von Covid-19 einhergehen [9].

Literaturverzeichnis

  1. https://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/2018/nl_04_2018/nl_04_gastkommentar.html 
  2. https://www.zeit.de/gesellschaft/2021-02/klassismus-soziale-gruppen-soziologie-literatur-gesellschaft
  3. https://www.bpb.de/nachschlagen/datenreport-2018/sozialstruktur-und-soziale-lagen/278306/soziale-mobilitaet
  4. Oxfam Policy & Practice. 2021. The Inequality Virus: Bringing together a world torn apart by coronavirus through a fair, just and sustainable economy – Oxfam Policy & Practice. [online]
  5. https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/armut-und-reichtumsbericht-corona-1.5225103
  6. Kaufmann, S., 2021. Die Armen verlieren (neues deutschland). [online] Neues-deutschland.de. Available at: <https://www.neues-deutschland.de/artikel/1143790.corona-und-soziale-folgen-die-armen-verlieren.html> [Accessed 10 February 2021].
  7. Lampert, T., Kuntz, B. Auswirkungen von Armut auf den Gesundheitszustand und das Gesundheitsverhalten von Kindern und Jugendlichen. Bundesgesundheitsbl 62, 1263–1274 (2019). https://doi.org/10.1007/s00103-019-03009-6
  8. Ravens-Sieberer, U., Kaman, A., Erhart, M., Devine, J., Schlack, R. and Otto, C., 2021. Impact of the COVID-19 pandemic on quality of life and mental health in children and adolescents in Germany. European Child & Adolescent Psychiatry.
  9. Quinn SC, Kumar S (2014) Health inequalities and infectious disease epidemics: a challenge for global health security. Biosecur Bioterror 12(5):263-273

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