Evidenzstufe 4

“Eine Studie hat bewiesen … !”

Warum die meisten wissenschaftlichen Studien nichts beweisen können.

Viele Studien liefern zur Überraschung einiger keine verlässlichen Informationen. Grundlegend hierfür ist auch ein Verständnis der wissenschaftlichen Hypothese. Diese muss nach den Humanwissenschaftler:innen Bortz und Döring bestimmte Kriterien erfüllen. Erstens muss sich eine wissenschaftliche Hypothese auf reale Sachverhalte beziehen, die empirisch untersuchbar sind. Darüber hinaus sollte sie eine allgemeingültige – über den Einzelfall oder ein singuläres Ereignis hinausgehende – Aussage beinhalten. Drittens muss eine wissenschaftliche Hypothese zumindest implizit die formale Struktur eines sinnvollen Konditionalsatzes aufweisen: “wenn, dann”. Zuletzt muss eine Hypothese falsifizierbar sein [1]. Letzten Endes bedeutet die Untersuchung einer wissenschaftlichen Hypothese den Versuch diese zu widerlegen. Gelingt dies nicht, so wird die Hypothese auf Basis theoretischer Überlegungen in einen wissenschaftlichen Zusammenhang gebracht und vorerst – bis zum Beweis des Gegenteils – angenommen. Studien können also per se niemals “beweisen”, sondern stellen stellen lediglich wissenschaftliche Ergebnisse in einen Gesamtkontext. Zumindest sollte dies der methodische Anspruch sein. Jede einzelne Studie sollte sorgfältig geprüft und bewertet werden, wobei der Fokus vor allem auf die Methodik und das Risiko für systematische Fehler, sogenannte Bias, liegt. Dieser Prozess ist aufwändig, es lohnt sich jedoch die Grundsätze zu verstehen, um sich selbst einen groben Überblick über die Qualität einer Studie verschaffen zu können. Zunächst  muss der Unterschied verschiedener Studientypen grob verstanden werden. 

So haben Fallserien und Fallberichte, also Studien, die ohne Vergleichsgruppe aufgebaut sind, generell eine niedrigere Aussagekraft, da sie sehr anfällig für Störfaktoren, sogenannte Confounder sind. Ein berühmtes Beispiel ist die Scheinkorrelation von Geburtenraten und Anzahl der Storchenpaare in fünf verschiedenen europäischen Regionen. Der eigentliche Zusammenhang besteht in dem Confounder der Ländlichkeit. Störche nisten vermehrt in ländlichen Regionen, wo auch die Geburtenrate durchschnittlich höher ist. Dies verdeutlicht sehr gut, dass insbesondere aus Ergebnissen deskriptiver Studien  keine vorschnellen kausalen Schlüsse gezogen werden dürfen. Aber auch vergleichende Fall-Kontroll-Studien, die ebenso der Evidenzstufe 4 zugeordnet werden, können durch Confounder gestört werden. Bei einer Fall-Kontroll-Studien werden mögliche Zusammenhänge, meist Risikofaktoren für eine Erkrankung, retrospektiv durch sogenanntes Matching untersucht. Dabei werden den erkrankten Proband:innen jeweils gesunde Proband:innen zugeordnet, die sich bis auf den zu untersuchenden Faktor beispielsweise einen schädlicher Umweltfaktor möglichst ähnlich sind. Andere Störfaktoren, die in der Studie nicht erhoben werden, können dabei das Ergebnis verfälschen. Für aussagekräftigere Ergebnisse benötigt es also prospektive, kontrollierte Studien.

Literaturverzeichnis

[1] Busari S, Adebayo B, CNN. Nigeria records chloroquine poisoning after Trump endorses it for coronavirus. treatment.edition.cnn.com/2020/03/23/africa/chloroquine-trump-nigeria-intl/index.html

Kritische Medizin München © 2021