Evidenzstufe 5

“Wer heilt, hat Recht?”

Gefahren und Chancen eminenzbasierter Medizin

Beginnen wir am unteren Ende der “Wissenschaftlichkeit”, der eminenzbasierten Medizin. Eminenzbasiertes (Be-)Handeln hat seit Beginn der Menschheitsgeschichte Tradition und ist auch heute noch ein großer Bestandteil weltweiter Heilwissenschaften. Der ironisch-scherzhafte Begriff “Eminenz”, der als Anrede ranghoher Kleriker verwendet wird, stammt von dem lateinischen Wort für “Überhöhung” (lat. eminere = herausgeben) und beschreibt ein Vorgehen, bei dem Handlungsentscheidungen auf einer oder mehreren Meinungen von Expert:innen oder Berichten von anerkannten Autoritäten und Kommissionen getroffen werden, ohne dass eine ausreichende Studien- oder Datenlage vorliegt.

 

Die Chance eminenzbasierter Medizin ist ein potenzieller Behandlungserfolg. Bei neuartigen oder seltenen Erkrankungen mit geringen Fallzahlen fehlen häufig (noch) direkt anwendbare klinische Studien. Individuelle Heilversuche oder Behandlungen im Rahmen von Studien sind gebräuchlich und insbesondere bei infauster Prognose ethisch vertretbar. Nicht selten kann retrospektiv eine Wirksamkeit wissenschaftlich bestätigt werden. Individuelle Erfolge können häufig auch durch einen Placebo-Effekt erreicht werden, wie beispielsweise bei homöopathischen Behandlungen [1,2,3]. Auch Fachärzt:innen verschreiben oft Medikamente, zu denen anwendbare wissenschaftliche Studien fehlen, mit denen sie jedoch gute klinische Erfahrungen gemacht haben. Der Satz “Wer heilt, hat recht!”, der häufig von Anwender:innen eminenzbasierter Medizin zu hören ist, stimmt jedoch nur bedingt. Nicht-evidenzbasierte medizinische Behandlung bergen auch einige Gefahren und Nachteile. Immer wieder setzen sich Expert:innen kraft ihrer Autorität über gut begründete Empfehlungen und Lehrmeinungen hinweg. Konkret kann das für Patient:innen bedeuten, dass durch experimentelle Behandlungen ohne einen ausreichenden Nutzen unerwünschte Nebenwirkungen in Kauf genommen werden müssen.

 

Als Beispiel wäre die vielfach durchgeführte und umstrittene Therapie und Prävention von COVID-19 mit Chloroquin zu nennen, welches eigentlich in der Behandlung von Malaria Verwendung findet und zu keinem Zeitpunkt eine Wirksamkeit in der Behandlung von COVID-19 zeigte. Wie bereits genannt sind individuelle Heilversuche und Therapien im Rahmen von Studien insbesondere bei neuartigen Erkrankungen häufig  die einzige Alternative. Unabhängig davon jedoch wurden vor allem zu Pandemiebeginn von einigen Gesundheitsbehörden und Regierungen Notfallzulassungen und Empfehlungen zur Prophylaxe und Therapie mit Chloroquin herausgegeben [4,5,6,7], nachdem in einzelnen Zellkultur-Studien ein  positiver Effekt gezeigt wurde [8,9]. Führende Politiker:innen wie der damalige US-amerikanische und der brasilianische Staatspräsident behaupteten öffentlich wiederholt, dass Chloroquin ein “Geschenk Gottes” und ein “sehr wirksames” Medikament im Kampf gegen COVID-19 sei [10]. Einer kürzlich veröffentlichten Metaanalyse von 12 Studien mit 8569 Proband:innen zufolge kann retrospektiv keine ausreichende Wirksamkeit der COVID-19-Therapie mit (Hydroxy-)Chloroquin bewiesen werden. Die Therapie hatte weder Einfluss auf das Mortalitätsrisiko noch auf die Beatmungspflichtigkeit, während das Risiko für einen unerwünschten Nebeneffekt im Vergleich zum Placebo verdreifacht war [11]. Während im Rahmen dieser Studien lediglich leichtere Nebenwirkungen von Chloroquin auftraten, hatte die erfolgten staatlichen Empfehlung des Medikaments für einige Menschen auch fatale Folgen. Weltweit kam es unmittelbar nach den Empfehlungen der Staatspräsidenten immer wieder zu lebensgefährlichen und tödlichen Überdosierungen [12,13].

Literaturverzeichnis

[1] Heirs M, Dean ME: Homeopathy for ADHD. Cochrane Database of Systematic Reviews 2007.

[2] McCarney RW, Linde K, Lasserson TJ: Homeopathy for chronic asthma. Cochrane Database for Systematic Reviews 1999.
[3] Peckham EJ et al. Homeopathy for treatment of irritable bowel syndrome. Cochrane Database of Systematic Reviews 2019.

[4] Indien setzt umstrittenes Malaria-Medikament gegen Corona ein. in: Die Zeit, 27.05.2020

[5] Kwak Sung-sun: Physicians work out treatment guidelines for coronavirus. In: Korea Biomedical Review. 13. Februar 2020. http://www.koreabiomed.com/news/articleView.html?idxno=7428

[6] FDA: Letter of Authorization -chloroquine phosphate and hydroxychloroquine sulfate. 28.03.2020

[7] Ärzteblatt: COVID-19: Brasilien empfiehlt umstrittenes Hydroxychloroquin. 22.05.2020.

[8] Liu J, Cao R, Xu M, Wang X, Zhang H, Hu H, et al: Hydroxychloroquine, a less toxic derivative of chloroquine,is effective in inhibiting SARS-CoV-2 infection in vitro. CellDiscovery 2020;6:16. [DOI: 10.1038/s41421-020-0156-0]

[9] Wang M, Cao R, Zhang L, Yang X, Liu J, Xu M, et al. Remdesivirand chloroquine effectively inhibits the recently emerged novelcoronavirus (2019-nCoV) in vitro. Cell Research 2020;30(3):269–71. [DOI: 10.1038/s41422-020-0282-0]

[10] Economic Times: Trump Says Coronavirus Drugs Could Be Gift From God. 24.03.2020. unter: https://economictimes.indiatimes.com/news/international/world-news/trump-says-unproven-coronavirus-drugs-could-be-gift-from-god/articleshow/74788234.cms?from=mdr (zuletzt abgerufen am 18.02.2021).

[11] Singh B, Ryan H et al: Chloroquine or hydroxychloroquine for prevention and treatment of COVID-19. Cochrane Database of Systematic Reviews 2021, Issue 2. Art. No: CD013587. [DOI: 10.1002/14651858.CD013578.pub2]

[12] Edwards E, Hillyard V: Man dies after ingesting chloroquine in an attempt to prevent coronavirus. NBC News, 23.03.2020.

[13] Busari S, Adebayo B, CNN. Nigeria records chloroquine poisoning after Trump endorses it for coronavirus. treatment.edition.cnn.com/2020/03/23/africa/chloroquine-trump-nigeria-intl/index.html

 

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