Unsere Geschichte
Die Kritische Medizin München ist eine basisdemokratische und außeruniversitäre Gruppe mit Fokus auf medizinischen und gesundheitspolitischen Themen. Seit der Gründung im Sommer 2019 ging es der Gruppe darum, sozialpolitische Probleme in den Blick zu nehmen, welche im Gesundheitswesen zwar überall präsent, jedoch in Ausbildung, Studium und Berufsalltag nicht angemessen behandelt werden. Wir sind der Meinung, im Gesundheitswesen braucht es mehr kritische Stimmen, Selbstkritik am eigenen (v. a.) ärztlichen Rollenverständnis und Willen zur Veränderung bestehender Strukturen.
Die Gruppe steht allen Menschen offen und soll eine Plattform für kritischen Diskurs, politischen Aktivismus und Bildungarbeit bieten. Wir kommen in regelmäßigen, offenen Plena zusammen und arbeiten themenbezogene Vorhaben in Projekten aus. Die Kritische Medizin München ist hierarchielos, alle Arbeitsgruppen und Projekten entwickeln sich aus dem Gruppenprozess und organisieren sich selbst. Dabei soll Input aus der Gruppe sowie aus dem Austausch mit bestehenden Initiativen und Gruppierungen kommen. Wir wollen transparent, selbstkritisch, respektvoll und achtsam im Umgang miteinander arbeiten. Gemeinsam setzen wir uns für ein solidarisches, diskriminierungsfreies und wertschätzendes Gesundheitssystem ein.
Am Mittwoch, den 03. Juli 2019, findet das erste Treffen der Kritischen Medizin München statt. Im Aufruf steht: Während das Medizinstudium vor allem naturwissenschaftlich geprägt ist, werden wir im Krankenhaus – wie überall in der Gesellschaft – mit verschiedenen soziokulturellen Fragestellungen, interreligiösem Dialog, aber auch diversen Konfliktsituationen wie Rassismus, Sexismus und sozialer Ausgrenzung konfrontiert. Hiermit kritisch umzugehen und zu hinterfragen, wo sich diese Einflüsse im Gesundheitssystem finden und wie das Gesundheitssystem und wir auf diese Probleme antworten können, ist unser Ziel. Inwiefern sind Medizin und Gesundheit politisch? Ist Gesundheit ökonomisiert? Beeinflussen Definitionen von Gesundheit und Krankheit die gesellschaftliche Realität? Wie können wir uns für ein solidarisches Gesundheitssystem einsetzen, das allen Menschen entsprechend ihren Bedürfnissen eine gleichwertige medizinische Behandlung auf dem Stand aktueller wissenschaftlicher Erkenntnis ermöglicht? Diese Fragen sind untrennbar mit der Forderung nach demokratischen Entscheidungsstrukturen sowie sozialen und gerechten Arbeitsbedingungen für alle Beschäftigten im Gesundheitswesen verbunden. In verschiedenen Städten in Deutschland treffen sich kritische Mediziner:innen um diese Themen zu besprechen und zu bearbeiten. Nun ist es auch an der Zeit für eine Kritische Medizin in München.
















Über 150 Menschen melden sich für das erste Treffen an, über 30 kommen erschienen. Der Bedarf und das Interesse sind in München offensichtlich vorhanden. Was zuerst als lockere und lose Gruppe beginnt, wird mit der Zeit ein festes Kollektiv von mal mehr mal weniger aktiven Menschen. Spätestens mit der Planung erster konkreter Projekte stellt sich die Frage nach der Struktur der Kritischen Medizin. Nach langen plenarischen Diskussionen kristallisieren sich zwei Grundsätze heraus. Erstens versteht sich die Gruppe als basisdemokratisch. Alle Entscheidungen entstehen also aus dem Plenum und beruhen auf Mehrheitsentscheidungen. Zweitens entscheidet sich die Kritische Medizin gegen eine universitäre Anbindung an die Fachschaft der Humanmedizin. Das hat mehrere Gründe, allen voran der konkrete Wunsch nach Interdisziplinarität. Außerdem besteht in München die besondere Situation, dass es zwei medizinischen Fakultäten (LMU und TUM) gibt, eine Zuordnung zu beiden oder nur einer wirkt problematisch.






Auf dieser grundsätzlichen Basis bilden sich thematische Arbeitsgruppen. Zu Beginn beschäftigt sich die Gruppe mit einer Vielzahl an Themen. Arbeitsgruppen entwickeln sich zu psychischer Gesundheit im Studium und Beruf, zu Sucht und Substitutionsmedizin, sexueller Selbstbestimmung, Ökonomisierung und Privatisierung im Gesundheitswesen, sowie im weiteren Verlauf zu Rassismus in der Medizin. Mit einer immer größer werdenden Themenvielfalt, sowie einer wachsenden Vernetzung auf gesundheitspolitischer Ebene in München, entsteht in der Gruppe das Bedürfnis nach klareren Strukturen. Außerdem sprengen viele Debatten oftmals die zwei Stunden Plenum in der Woche, daher entwickelt sich der Plan eines Visionswochenendes. Ende Januar 2020 (glücklicherweise vor Beginn der COVID-Pandemie) verbringen über 25 Mitglieder der Kritischen Medizin ein Wochenende in Augsburg. Dort konkretisieren sich viele Ideen und Wünsche, eine klare Struktur sowie ein Selbstverständnis entsteht.
Mit Beginn der Pandemie werden viele Pläne über den Haufen geworfen. Auf die anfängliche Phase der Unsicherheit folgen im Verlauf des Jahres 2020 neue und konkrete Forderungen der Gruppe Missstände im Gesundheitswesen zu verbessern. Trotz der schwierigen Umstände und der Mehrbelastung an Arbeit finden weiterhin regelmäßige Plena digital statt. Die Anfang 2020 veröffentliche Website stellt eine Chronologie der verschiedenen Aktivitäten und Formaten des Kollektivs dar. Gleichzeitig etablieren sich immer mehr Kritische Medizin Gruppen in den Universitätsstädten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Es entstehen erste Vernetzungsformate, zuerst digital wie beispielsweise ein bundesweiter Arbeitszusammenhang zu (Anti-)Rassismus in der Medizin. Der Austausch und die Zusammenarbeit mit dem Verein Demokratischer Ärzt*innen (vdää*) nimmt zu. Dieser in den 80er Jahren gegründete Zusammenschluss linker Ärztinnen und Ärzte stellt eine Art Vorläufer der jetzigen Kritischen Medizin Gruppen dar.
Bis in das Jahr 2022 planen, organisieren und entwickeln Mitglieder der Münchner Gruppe sowohl lokale als auch bundesweite Projekte. Seit der Gründung der Gruppe sind jedoch bereits viele der ehemaligen Gründungsmitglieder in anderen Lebensphasen und es entsteht das Bedürfnis nach einer neuen Struktur. Somit entschließen sich die Aktiven zu einem zweiten Visionswochenende, das in sonnigen Wetter im Juni 2022 am Königssee stattfindet. Neben neuen Projektideen einigen sich die Teilnehmenden auch auf einen neuen Arbeitsablauf, der vor allem auf nachhaltige Strukturen ausgerichtet ist.
Nichts desto trotz finden sich im Jahr 2023 immer weniger Teilnehmende. Die zu Beginn wöchentlichen Plena werden auf monatlich stattfindende Treffen ausgeweitet. Im Herbst des Jahres findet sich eine kleine aber engagierte Gruppe, die sich inspiriert durch das sogenannte Poliklinik Syndikat das Ziel setzt in München ein solidarisches Stadtteilgesundheitszentrum zu etablieren. So entsteht aus den zu dem Zeitpunkt noch übrigen (wenigen) aktiven Mitgliedern der Kritischen Medizin München im Oktober 2023 das Gesundheitskollektiv München. Im Frühjahr 2024 findet eine Klausurtagung am Starnberger See statt, wenige Monate später erfolgt die Eintragung als gemeinnütziger Verein. Ein solches Projekt übersteigt jedoch bei weitem die Möglichkeiten und Ressourcen der Kritischen Medizin, die weder eine feste Finanzierung noch nicht-ehrenamtliche Mitglieder hat. Mit der Fokussierung auf den Aufbau eines Stadtteilgesundheitszentrum verlassen nun die restlichen Mitglieder den Arbeitszusammengang der Kritischen Medizin und widmen sich einer spannenden und neuen Aufgabe.
Erfreulicherweise findet sich im Herbst 2024 eine neue, junge Gruppe engagierter Menschen in Ausbildung und die Kritische Medizin München lebt wieder auf.