Demo für sexuelle Selbstbestimmung am 20.03.2021

Am 20.03.2021 fand der erste sogenannte „Marsch für das Leben“ in München statt, bei dem sich offen antifeministische und christlich-fundamentalistische Abtreibungsgegner*innen auf dem Königsplatz versammelten. Gemeinsam mit dem neu gegründeten Münchner Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung organisierten wir einen lauten und bunten Gegenprotest! Hier unsere Rede.

Bilder by @titus.btz

Abtreibungsgegner*innen sind nicht nur heute auf dem Königsplatz anzutreffen. Ihre Ideologien, ihr Antifeminismus, das Patriarchat sind tief in unserer Gesellschaft, der Gesetzgebung und im Gesundheitswesen verankert.

Wegen ihnen und wegen der schweigenden Mehrheit, die ihnen nicht in den Weg tritt, haben wir in Deutschland und vor allem bei uns in Bayern große strukturelle Probleme.

Die Versorgungslage, besonders im ländlichen Raum ist schlecht. 63% der Abbrüche in Bayern werden hier in München durchgeführt. Das bedeutet für viele betroffene Personen, dass sie für ihre medizinische Versorgung mehrmals mehrere hundert Kilometer fahren müssen. Ihnen werden dadurch zusätzliche zeitliche, logistische und finanzielle Belastungen zugemutet, wie für sonst keinen anderen ambulanten medizinischen Eingriff.

In ganz Deutschland gab es 2003 noch etwa 2000 Einrichtungen, die Abtreibungen angeboten haben. 2020 waren es nur noch 1120, das ist ein Rückgang um mehr als 40%! Und das wird in den nächsten Jahren nur noch schlimmer, denn viele der Ärzt*innen gehen auf das Rentenalter zu oder haben es bereits überschritten. Nachwuchs gibt es kaum.
Wer seinen Patient*innen diese medizinische Leistung anbieten möchte, muss sich das Wissen darüber selbst beibringen. Denn bereits im Studium fallen die medizinischen Aspekte über Abtreibungen meist unter den Tisch. Gesprochen wird, wenn überhaupt, über die ethischen und rechtlichen Aspekte, oft an Fallbeispielen, bei denen im letzten Schwangerschaftsdrittel das Leben der schwangeren Person in Gefahr ist. In der Realität finden jedoch 97% der Abtreibungen vor der 12. Woche statt.

Selbst in der Ausbildung für Gynäkolog*innen muss der Schwangerschaftsabbruch nicht gelehrt werden, viele ausbildende Krankenhäuser führen sogar selbst keine Abtreibungen durch. Dieses Wissen müssen wir uns also selbst suchen, eigene Praktika organisieren oder zur Fortbildung in die Niederlande fahren. Die Verantwortung über das Lernen und Lehren zu Abtreibung darf nicht bei Einzelpersonen liegen!

Die Bundesländer haben einen Versorgungsauftrag, dem sie zurzeit nicht ausreichend nachkommen. Sie müssen die Kliniken, die öffentliche Gelder erhalten, in die Verantwortung ziehen. Ob Kliniken Schwangerschaftsabbrüche durchführen, darf nicht der persönlichen Einstellung einzelner Chefärzt*innen überlassen werden!

Wer weiß, wie Abtreibungen funktionieren, darf nicht auf der eigenen Website darüber schreiben. Der §219a wurde zwar 2019 geändert, bedeutet aber immer noch, dass Ärzt*innen ihre Patient*innen nicht ausreichend informieren können. Das Feld, vor allem im Internet, wird deshalb Fundamentalist*innen überlassen, die dadurch ungestört ihre fehlerhaften und falschen Darstellungen in die Welt setzen. Deshalb unsere klare Forderung: Weg mit §219a!

Als angehende Ärzt*innen stehen wir heute hier, nicht nur in Solidarität mit unseren strafrechtlich verfolgten Kolleg*innen, sondern in Solidarität mit allen Personen, denen durch die jetzige Gesetzeslage der Zugang zu einer Abtreibung erschwert wird.
Schwangerschaftsabbruch muss zu einer kostenlosen, öffentlichen Gesundheitsleistung werden, ohne Beratungszwang und ohne Wartezeit!

Abtreibung ist ein häufiger, ein sicherer und ein ganz normaler medizinischer Eingriff. Die Stigmatisierung und die Verfolgung durch Abtreibungsgegner*innen muss ein Ende haben. 150 Jahre §218 sind 150 Jahre zu viel!

Kritische Medizin München © 2021

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