Die (Wieder)Entdeckung der Klitoris

Ein Podcast von Hannah Sommer

Einführung

 „Little man in the boat”, “love button”, oder auf Deutsch der „Kitzler“ oder „die Perle“ – all das sind Bezeichnungen für die Klitoris, die kein besonders großes Organ zu beschreiben scheinen. Tatsächlich ist die Klitoris jedoch viel größer, als die meisten Menschen glauben. Woran liegt das? 

Die meisten von uns werden in der Lage sein, einen Penis sogar mit seinen einzelnen Bestandteilen, wie der Harnröhre, dem Samenleiter, und der Eichel, weitestgehend anatomisch korrekt aufzuzeichnen. Bei der Klitoris hingegen, gelingt das wohl nur den wenigsten. Die Klitoris kennen wir in der Regel als kleine, empfindliche Erbse, die versteckt zwischen den inneren Vulvalippen liegt. Und die Frage, wie Menschen mit einer Vulva zum Orgasmus kommen, erweist sich bei Dr. Sommer nach wie vor großer Beliebtheit! 

Warum wissen wir so wenig über Größe, Form und Funktion der Klitoris? Um diese Frage zu beantworten, möchte ich einen Blick auf die Vergangenheit der Klitoris werfen. 

@ Mitra Wakil

Die Geschichte der Klitoris

Die Geschichte der Klitoris gleicht einer ständigen Berg- und Talfahrt des Wissens über das weibliche1 Lustorgan. Während Hippokrates die Klitoris bereits im fünften Jahrhundert vor Christus als „Columella“, die kleine Säule, beschrieb, sah der römische Anatom Galen 500 Jahre später im weiblichen* Genital lediglich das passende Gegenstück zum Penis. Von der Klitoris und von weiblicher* Lust war keine Rede mehr. 

Im 16. Jahrhundert wurde die Klitoris von den italienischen Anatomen Renaldo Columbo und Fallopia wiederentdeckt und beschrieben. Columbo bezeichnete sie als „sweetness of Venus“ und beschrieb ihre Funktionsweise folgendermaßen: “If you touch it, you will find it rendered a little harder and longer to such a degree that it shows itself as a sort of male member”. Zeitgenossen der beiden hingegen leugneten die Existenz der Klitoris gänzlich und behaupteten nur Hermaphroditen, also Menschen, die weder dem männlichen* noch dem weiblichen* Geschlecht zugeordnet werden konnten, besäßen ein solches Organ. 

Die erste überlieferte, anatomisch korrekte und detaillierte Abbildung des weiblichen* Lustorgans, lieferte der deutsche Anatom Georg Ludwig Kobelt im Jahr 1844. Er zeigte, dass die Klitoris viel größer ist, als von außen vermutet. Kobelt beschrieb ihre Form als Wünschelrute, die hinter den Vulvalippen liegt und sich an die Wände der Vagina anschmiegt. Durch diese Lage könne sie sowohl von außen als auch von innen durch die Vagina und den Anus stimuliert werden. 

Dieses Wissen über die Größe der Klitoris und ihre enorme Bedeutung für die weibliche* Sexualität und den weiblichen* Orgasmus, verschwand im Laufe des 20. Jahrhunderts. Beispielsweise findet man in der Auflage des Anatomie-Klassikers Gray’s Anatomy von 1901 nur noch eine vereinfachte Darstellung der Klitoris in Form einer kleinen Wölbung. In der Gray’s Anatomy Auflage aus dem Jahr 1948, taucht die Klitoris dann gar nicht mehr auf. 

Für das Verschwinden der Klitoris aus Anatomiebüchern und Köpfen in der ersten

Hälfte des 20. Jahrhunderts, wird der Psychoanalytiker Sigmund Freud mitverantwortlich gemacht. Dieser hatte 1905 in seinen Abhandlungen zur Sexualtheorie zwischen einem klitoralen und einem vaginalen Orgasmus unterschieden und damit einen Mythos in die Welt gesetzt, der sich bis heute hartnäckig hält. Freud zufolge seien „klitorale Orgasmen“ ein Zeichen sexueller und psychischer Unreife, wodurch die Stimulation über die Klitoris in Verruf geraten und das Wissen darüber verschwunden ist. 

Im Zuge der Women’s Health Bewegung Anfang der 1970er Jahre kam der Klitoris wieder eine größere Bedeutung zu. Die Feminist*innen wiesen Freud’s Unterscheidung zwischen vaginalem und klitoralem Orgasmus entschieden zurück. Sie bildeten die Vulva anhand zahlreicher Fotografien in ihrer großen Variabilität ab, und beschrieben die Klitoris in all ihren Bestandteilen: Die Klitoriseichel (glans clitoris), die unter der Vorhaut zwischen den Vulvalippen hervorlugt, sowie die zwei länglichen Schenkel (clitoris cruris) und die beiden Vorhofsschwellkörper (bulbus vestibuli), die sich im Körperinneren befinden. 

Noch heute wird die Klitoris in den gängigen Anatomiebüchern meist falsch, oder unzureichend abgebildet. 2005 konnte die australische Urologin Helen E. O’Connell in einer

Studie, die exakte Lage und Ausmaße der Klitoris, sowie ihre zentrale Bedeutung für den weiblichen* Orgasmus zeigen. Dieses „wiederentdeckte“ Wissen muss seinen Weg in aktuelle Anatomiebücher, die Sexualpädagogik, und damit auch in die Köpfe vieler Menschen, allerdings erst noch finden. 

Entgegen unserer Erwartung ist die Anatomie also keine gleichbleibende, neutrale Wissenschaft, die den menschlichen Körper untersucht, seziert und abbildet, was da ist. Tatsächlich ist das „Natürliche“, um an Judith Butler anzuknüpfen, auch in Hinblick auf die Anatomie des Körpers genauso konstruiert wie das „Soziale“. Die Anatomie, und damit verbunden unser Wissen und unsere Vorstellung von Körpern unterliegt dem Wandel der Zeit, den Normen und Vorstellungen der Gesellschaft. 

@ Mitra Wakil

Die Klitoris als Produkt und Produzent sozialer Ordnung 

Damit veranschaulicht die Geschichte vom Auftauchen und Verschwinden der Klitoris meines Erachtens eindrücklich, wie der Körper zugleich Produkt und Produzent sozialer Ordnung ist. 

Einerseits ist der Körper insofern ein Produkt der gesellschaftlichen Ordnung, als dass sich Normen und Machstrukturen in ihn einschreiben und sich in unserem körperlichen Verhalten widerspiegeln. Foucault’s Körpertheorie zufolge besitzen bestimmte soziale Gruppen und Institutionen die Macht, „eine bestimmte Vorstellung vom Körper, ein bestimmtes Wissen oder Interpretationsmuster vom Körper als normal, üblich, natürlich oder wünschenswert durchzusetzen […]“ (Gugutzer, 2012, S. 80). Damit besitzen sie die Macht zu definieren, wie der Körper ist. Im Untergraben des Wissens über die Klitoris werden also zeit- und kulturspezifische Diskurse sichtbar, die sich auf den Körper auswirken. Patriarchale Machtstrukturen und die damit verbundene Kontrolle über die weibliche* Sexualität sorgten dafür, dass das Wissen über die Klitoris immer wieder aus den Anatomiebüchern verschwand. Die Unwissenheit, wie man als Frau* zum Orgasmus kommt, oder die Scham, die nach wie vor mit dem weiblichen* „Untenrum“ verbunden ist, können meiner Meinung nach als körperliche Auswirkungen gesellschaftlicher und damit auch geschlechtsspezifischer Diskurse betrachtet werden. 

Andererseits spricht die wiederholte Entdeckung der Klitoris durch die Forschung, dafür, dass der Körper die Macht besitzt sich auch umgekehrt in die Gesellschaft einzuschreiben. Chris Shilling zufolge ermöglicht der „Eigensinn des Körpers“ dem Individuum „sinnliche Antworten auf Regeln“ (zitiert in Gugutzer, 2012, S. 113) zu geben. Damit besitzt er 

ein „gesellschaftliches Widerstandpotenzial- und Kreativitätspotenzial“ (Gugutzer, 2012, S.114), das es ihm erlaubt die Gesellschaft mitzugestalten und umzugestalten. Die Klitoris möchte ich in diesem Sinne als eigensinniges Organ betrachten, das sich über gesellschaftliche Normen hinwegsetzen kann. Sie war immer schon da; Frauen* haben wahrscheinlich immer schon masturbiert und Kinder, deren körperliches Handeln noch nicht durch gesellschaftliche Normen gelenkt wird, stimulieren ohne Scham ihre Klitoris. Diese Hartnäckigkeit des weiblichen* Lustorgans, spricht denke ich für die Macht des Körpers, die Gesellschaft zu verändern. Immerhin hat die Klitoris uns bis heute immer wieder gezwungen, sie zu erforschen. Die umfassenden Erkenntnisse, und die Aufmerksamkeit, die der Klitoris mittlerweile beispielsweise auch in der Popkultur zukommt, lassen die Hoffnung zu, dass sich unser konstruiertes Bild zurückhaltender, ja sogar „unzureichender“ weiblicher* Sexualität radikal verändern kann. 

Literatur und Quellen

  1. Blechner, Mark J. (2017): The Clitoris: Anatomical and Psychological issues, in: Studies in Gender and Sexuality, 18:3, S. 190-200. 
  2. Moore, Lisa Jean/Clarke, Adele E. (1995): Clitoral Conventions and Transgressions: Graphis Representations in Anatomy Texts, c1900-1991, in: Feminist Studies, 21:2, S. 255-301. 
  3. Gugutzer, Robert (2015): Soziologie des Körpers, transcript Verlag, Bielefeld. 
  4. Kobelt, Georg Ludwig (1844): Die männlichen und weiblichen Wollust-Organe des Menschen und einiger Säugethiere, in anatomisch-physiolog. Beziehung, Freiburg i.Br, unter: https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kobelt1844/0069, [23.01.2021]. 
  5. O’Connell, Helen E. (2005): The Anatomy of the Clitoris, in: The Journal of Urology, Vol. 174, S. 1189–1195. 
  6. Rao, Ankita (2016): Fuck you, Freud: Warum klitorale Orgasmen eigentlich ziemlich großartig sind, unter: https://www.vice.com/de/article/z4zbvy/fuck-you-freud-warum-klitorale-orgasmen-eigentlich-ziemlich-grossartig-sind-, [23.01.2021]. 

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