Eine faire Kritik bedarf immer der Darstellung der Gegenseite – daher boten wir dem Deutschen Ärzteblatt sowie der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA) die Möglichkeit, auf unsere Kritikpunkte einzugehen. Die KNA kam diesem Angebot mit folgendem Statement nach:

Sehr geehrte Damen und Herren,
gerne möchte ich auf Ihre Medienkritik an einem Artikel des Deutschen Ärzteblatts über den diesjährigen „Marsch für das Leben“ in Berlin eingehen, der – neben einigen Kürzungen und Ergänzungen – weitgehend auf einem Agenturbericht der KNA basiert.

Sie schreiben:

Der Titel „Mit Maske und Abstand gegen Abtreibung und Suizidbeihilfe“ suggeriert, dass sich die TeilnehmerInnen vorbildlich verhalten haben. Damit wird den LeserInnen schon in der Überschrift ein positives Bild, der sich vorbildlich verhaltenden AbtreibungsgegnerInnen vermittelt.

Stellungnahme des Chefredakteurs der KNA:

Unser Korrespondent am Ort hat nach eigener Aussage beobachtet, dass beim „Marsch für das Leben“ in diesem Jahr fast alle Masken trugen und Abstandhielten. Da dies für den „Marsch“ eine Premiere war (frühere derartige Demonstrationen hatten vor der Pandemie stattgefunden), war das eine berichtenswerte Beobachtung. Hinzu kommt, dass das Einhalten der AHA-Regeln bei Demonstrationen in Berlin derzeit ein häufiges Thema journalistischer Berichterstattung und nicht selbstverständlich ist. Ich kann aus den genannten Gründen nichts Kritikwürdiges an diesem Titel finden.

Außerdem schreiben Sie:

Weiter heißt es in dem Artikel des Deutschen Ärzteblatts: „Die Teilnehmer des alljährlichen „Marsches für das Leben“ und eines „Bündnisses für sexuelleSelbstbestimmung“ nutzten – auf verschiedenen Seiten – die Kulisse des Brandenburger Tors.“  Diese Formulierung suggeriert, dass die jährliche Veranstaltung „Marsch für das Leben“ allseits bekannt sei, die Verwendung des Wörtchens „eines“ in Bezug auf das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung hingegen deutet darauf hin, dass es sich nur um irgendein Bündnis handelt. Das ist eine deutliche Diskreditierung des Bündnisses, das seit mittlerweile 40 Jahren aktiv ist, von verschiedenen Beratungsstellen des Vereins pro familia, Organisationen wie der Berliner Aids Hilfe e.V., dem Bündnis 90 der Grünen Berlin, der Partei Die Linke auf Landes- und Bundesebene, der GEW Berlin und der Deutschen Aidshilfe getragen wird.

Stellungnahme der KNA:

Die Verwendung des bestimmten Artikels für den „Marsch für das Leben“ und des unbestimmten Artikels für das „Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung“ ist sachlich nicht gerechtfertigt, geschah aber nicht in der Absicht, das genannte „Bündnis“ in seiner gesellschaftlichen Relevanz abzuwerten. Dies zeigt sich auch daran, dass die KNA in ihrer Vorberichterstattung ausführlich auf die organisatorische Zusammensetzung des „Bündnisses“ einging.


Ferner schreiben Sie:“Es waren aber nicht die Teilnehmer aus ganz Deutschland, die Touristen erschreckt aufhorchen ließen. Vielmehr gaben Hunderte (sic) meist junge Gegendemonstranten aus dem linksalternativen Lager ihnen eine ohrenbetäubende Begleitmusik mit Sprechchören und Trillerpfeifen.“ Mit „Teilnehmern aus ganz Deutschland“ sind die selbsternannten Lebensschützer*innen vom Marsch für das Leben gemeint, was der Bewegung rhetorisch an Gewicht verleiht. Nicht erwähnt wird hingegen, dass nach unseren Informationen auch die Teilnehmer*innen der Gegenproteste aus ganz Deutschland angereist sind. So besteht beispielsweise das „What the fuck“- Bündnis (https://whatthefuck.noblogs.org/) aus aktivistischen Gruppen aus ganz Deutschland, aber auch Österreich und der Schweiz, die sich aktiv an den Protesten beteiligt haben, sei es durch Grußworte oder auch durch Teilnahme und Beobachtung vor Ort. Auch die Formulierung, die „ohrenbetäubende Begleitmusik J lasse Touristen erschreckt aufhorchen“ lässt die Gegenproteste bedrohlicher erscheinen, als die Teilnehmer*innen des „Marsch für das Leben“. ebd.: Die Markierung der Gegendemonstration als „meist junge aus dem linksalternativen Lager“ als Einordnung des Gegenprotests wirkt despektierlich.


Stellungnahme der KNA:

Die Teilnahme von Menschen aus ganz Deutschland an dem „Marsch für das Leben“ war durch die bundesweite Vorbereitung der Demonstration bekannt und auch ausweislich der unterschiedlichen vertretenen regionalen Gruppierungen kenntlich. Bei der Gegendemonstration war dies weniger offensichtlich. Die Tatsache, dass die Gegendemonstration überwiegend aus jüngeren Menschen bestand, war offensichtlich. Beim „Marsch für das Leben“ war hingegen keine Altersgruppe klar dominant. Die weltanschauliche Beheimatung der meisten Redner und Teilnehmer im christlichen Umfeld wurde in dem Bericht deutlich. Zur Geräuschkulisse: Dass der Lärm der Gegendemonstranten in den Vorjahren oft ohrenbetäubend war, ist eine objektive Darstellung des Geschehens.


Sie schreiben:

Gleichzeitig findet sich in dem Text keine gleichwertige Einordnung der Teilnehmer*innen des „Marsch für das Leben“ wie sie etwa im Artikel des Tagesspiegels zum gleichen Thema zu finden ist: https://www.tagesspiegel.de/berlin/abtreibungsgegner-radfahrer-und-linke-buendnissedemonstrieren-polizei-nimmt-einige-teilnehmer-ingewahrsam/26201444.html. Aus was für Teilnehmer*innen sich der „Marsch für das Leben“ zusammensetzt, wird, wie die Formulierung im ersten Absatz „des alljährlichen Marsch für das Leben“ als bekannt vorausgesetzt. Im Tagesspiegel heißt es hingegen: „Vor Ort waren bei den Abtreibungsgegnern auch antisemitische und Shoa- relativierende Symbole zu erkennen. Ein Teilnehmer trug ein T-Shirt mit einem abgebildetes Embryo in einem Davidsternähnlichen Zeichen. Auch die Recherche und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) kritisierte via Twitter, dass bei der Veranstaltung in diesem Jahr erneut auf den offiziellen Plakaten der Organisatoren mit NS-Begriffen wie „unwertes Leben“ und dem Slogan „Nie wieder“ Schwangerschaftsabbrüche mit der Ermordung von Menschen im NS gleichgesetzt würden.“ Wir gehen davon aus, dass diese Informationen, wie auch die Teilnahme von Beatrix von Storch am „Marsch für das Leben“ jedoch eine wichtige Zusatzinformation für die Leserschaft des deutschen Ärzteblatts darstellen dürfte.


Stellungnahme der KNA:

Nach Aussage unseres Korrespondenten hat er weder antisemitische noch die Schoah relativierende Propaganda beim „Marsch für das Leben“ gesehen. Die Teilnahme von Frau von Storch hat er deshalb nicht erwähnt, weil sie unter Tausenden anderen mitmarschierte, dabei aber keine prominente Rolle, etwa mit einer Rede, einnahm. Im Übrigen orientiert sich die KNA in ihrer Berichterstattung über das Thema Abtreibung an der in Deutschland geltenden Rechtslage, wonach Abtreibungen in der Regel rechtswidrig, aber straffrei sind. Wir bemühen uns, über die kontroversen Standpunkte zu diesem Thema möglichst objektiv zu berichten.


Ludwig Ring-Eifel

Chefredakteur

Hier der Link zu unserer Kritik an dem Artikel des Deutschen Ärzteblatts.

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