Vernetzungstreffen der Kritischen Medizin

in Halle an der Saale 04. bis 06.11.2022

Endlich konnten wir ein Vernetzungstreffen aller Gruppen der Kritischen Medizin aus dem deutschsprachigen Raum besuchen! Die COVID-Pandemie hat die letzten zwei Jahre bekannterweise die meisten Veranstaltungen in Präsenz unmöglich gemacht. Vom 04. bis 06. November diesen Jahres war es aber endlich so weit. 

Wir verbrachten drei hervorragend organisierte und informative Tage auf dem alten Campus der Uniklinik in Halle an der Saale. Die Kritischen Mediziner*innen aus Halle, Leipzig und Köln hatten Essen und Unterkünfte für alle Teilnehmenden organisiert. Von langjährigen Aktivistis und jungen Ärzt*innen, bis hin zu zukünftigen Medizinstudierenden, alle kamen an diesem Wochenende aus verschiedenen Städten zusammen.

Am Samstag und Sonntag wurden pro Zeitfenster jeweils mehrere Veranstaltungen angeboten, die sich alle mit weitestgehend gesundheitspolitischen Themen befassten. So fiel die Entscheidung das ein oder andere Mal sehr schwer, wenn zwei spannende Seminare gleichzeitig angeboten wurden und doch nur Zeit für eines blieb.

Wir werden im Folgenden ein paar unserer Eindrücke aus denen von uns besuchten Veranstaltungen wiedergeben – vielleicht bekommt die eine oder andere Person ja dabei Lust, beim Vernetzungstreffen nächstes Jahr mitzukommen!

Das Stigma von Suchterkrankungen und das Gesundheitssystem: first do no harm?

Dr. med. Sven Speerforck

Ein äußerst spannender Vortrag von Dr. med. Sven Speerforck zum Einstieg, sowohl inhaltlich als auch rhetorisch fesselnd! Die oft bestehende Infantilisierung und zweifelhafte Behandlung von Suchterkrankten ist sehr schmerzhaft mitzuerleben. Häufig vorhandene Defizite in Psychiatrien und Notaufnahmen sind dabei sowohl auf erheblichen Personalmangel und strukturellen Mängel, als auch auf Stigmatisierungen gegenüber Suchterkrankten zurückzuführen. Diese führen leider oft dazu, dass Erkrankte nicht ausreichend ernst genommen oder Symptome ausschließlich auf die Sucht zurückgeführt werden. Ernsthafte Erkrankungen bleiben so immer wieder undiagnostiziert und unbehandelt.

Stuhlkreis beim Treffen in Halle

Medizinische (Not-)Versorgung von obdachlosen Menschen

Tino Neufert + Malika Autorkhanova (Suchtzentrum Leipzig)

Das Hilfskonzept der Vortragenden aus Leipzig besteht aus zwei Teilen: Einerseits werden obdachlose Menschen direkt auf der Straße angesprochen und es wird versucht, einen sehr niedrigschwelligen Kontakt herzustellen. Aus diesem heraus entwickelt sich dann oft eine erneuerte Offenheit gegenüber institutionalisierten Hilfsangeboten, in die die Betroffenen häufig jegliche Hoffnung verloren hatten. Die medizinische Hilfe besteht dabei aus einer offenen Sprechstunde, in der vorläufige Diagnosen und anonymisierte Behandlungsscheine (aus-)gestellt werden. Diese Behandlungsscheine ermöglichen es dann Menschen auch ohne Krankenversicherung, sich (fach-)ärztlich behandeln zu lassen. Zusätzlich existiert ein mobiler Behandlungswagen, welcher einmal wöchentlich am Hauptbahnhof Station macht und dort medizinische Hilfe leistet.

Die anonymisierten Behandlungsscheine sind dabei eine wirklich gute Möglichkeit auch für illegalisierte Menschen, Zugang zu einer adäquaten Gesundheitsversorgung zu bekommen. Laut den im Vortrag genannten Zahlen haben nämlich über 50 Prozent der obdachlosen Menschen keine Krankenversicherung. Die Bezahlung erfolgt dabei vom Verein CABL e.V. Leipzig, der wiederum Geld aus dem Haushalt der Stadt Leipzig erhält. Ein eigentlich absurdes, aber offenbar leider notwendiges Konstrukt, solange einer angemessenen Gesundheitsversorgung bürokratische Hürden gesetzt werden.

Krankenhausfinanzierung 2.0

Silvia Habekost

Gesundheitsökonomie und speziell Themen wie Krankenhausfinanzierung und das DRG-System haben (nicht ganz zu Unrecht) den Ruf, etwas trocken und kompliziert zu sein. Leider kommt man nicht daran vorbei, wenn man Missstände und Fehlentwicklungen in unserem heutigen Gesundheitssystem benennen und beheben will. Von Pflegemangel und schlechten Arbeitsbedingungen bis zu parallel bestehender Über- und Unterversorgung – fast immer ist das zugrundeliegende Problem die zunehmende Ökonomisierung des Gesundheitssystems mit all ihren Auswüchsen. Am Samstagvormittag half uns Silvia Habekost, Licht ins Dunkel zu bringen. Sie ist Gewerkschafterin und Anästhesiepflegerin in Berlin und Teil von “Krankenhaus statt Fabrik” – einem multiprofessionellen Bündnis, das sich für eine bedarfsgerechte und gemeinwohlorientierte Krankenversorgung einsetzt. In angeregten Diskussionen tauschten die Teilnehmenden nicht nur Erfahrungen und Wissen über alles, was in Krankenhäusern schief läuft, sondern auch viele Anregungen und Verbesserungsvorschläge für ein besseres Gesundheitssystem aus. Davon bekamen wir viel von Silvia an die Hand.

Moderationsworkshop

Elisabeth Zschache

Das Vernetzungstreffen sollte nicht nur Raum für gesundheitspolitische Inhalte und Weiterbildung geben, sondern auch die Möglichkeit, relevante Soft Skills für eine bessere Zusammenarbeit als Gruppe zu erwerben. Zu diesem Zwecke wurde unter anderem ein Moderationsworkshop angeboten, an dem drei Personen aus unserer Gruppe teilnahmen.
Die Leiterin des Workshops gab uns viel Input dazu, wie eine gute Moderation aussehen kann und was Moderation alles beinhalten kann. Wir probierten Techniken aus und diskutierten Methoden und konnten letztendlich viel mitnehmen.
Der Workshop machte viel Spaß und gab uns gleichzeitig zahlreiche Denkanstöße, die wir sofort in den nächsten Plena ausprobieren konnten!

Soziale Determinanten von Gesundheit - Oder: Wie der Traum von solidarischer, bedarfsorientierter Gesundheitsversorgung Wirklichkeit werden kann​

Patricia Hänel (GeKo Neukölln)

Eines unserer größten Projekte derzeit und wahrscheinlich auch jemals hat zum Ziel, ein gemeinwohlorientiertes, bedarfsgerechtes und interdisziplinäres Gesundheitszentrum in München zu gründen. Erfolgreiche Vorbilder für dieses Projekt gibt es bereits in einigen deutschen Städten (siehe https://www.poliklinik-syndikat.org/).

Am Samstag hatten wir die Möglichkeit, von Patricia Hänel zu hören, die ganz maßgeblich am Aufbau des Stadtteil-Gesundheitszentrums in Berlin Neukölln beteiligt war. Ganz dem Titel ihres Vortrags folgend sprach sie viel über die sozialen Determinanten von Gesundheit und warum es wichtig ist, diese bei der Gesundheitsversorgung von Patient*innen mit einzubeziehen. In Deutschland herrscht leider immernoch die verbreitete Ansicht, dass Gesundheit eine individuelle „Ressource“ sei, die in der Verantwortung jeder*s Einzelnen liege.Gleichzeitig ist jedoch seit langem bekannt, dass es erhebliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Einkommensschichten gibt. Diese beziehen sich auf verschiedene Gesundheitsindikatoren wie die durchschnittliche Lebenserwartung, die Säuglingssterblichkeit, die Prävalenz bestimmter Krankheiten oder die Wahrscheinlichkeit für vorzeitigen Tod. Beispielsweise beträgt der Unterschied in der durchschnittlichen Lebenserwartung zwischen der niedrigsten und höchsten Einkommenskategorie über 10 Jahre. Dies lässt den Schluss zu, dass es neben biologischen und individuellen Determinanten auch noch zahlreiche weitere, soziale Determinanten gibt, die die Gesundheit des*der Einzelnen beeinflusst. Beispiele dafür sind das Lebens- und Arbeitsumfeld, Wohnverhältnisse, Bildung, soziale Netzwerke, Arbeitslosigkeit und auch Aspekte wie Diskriminierungserfahrungen unterschiedlichster Art. Eine solidarische Gesundheitsversorgung muss all diese Einflussfaktoren mitberücksichtigen und sollte sie in der Praxis durch den Einsatz von interdisziplinären Teams (zumindest bestehend – neben dem ärztlichen und pflegerischen Personal – aus Sozialberatung, psychologischer Betreuung und bestenfalls einem breiten Therapieangebot) anstreben. Wir konnten somit viele Anregungen für unser eigenes Projekt mitnehmen. Wenn du gerne noch mehr dazu erfahren möchtest, schau doch mal hier vorbei: https://kritischemedizinmuenchen.de/poliklinik-muenchen/.

Die vielen Geschlechter der Biologie

Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß

Sonntag Vormittag durften wir einem weiteren sehr spannenden Vortrag lauschen. Das Verhältnis der Biologie zur Geschlechterforschung war in den letzten Monaten kontrovers diskutiert worden, wobei oft unwissenschaftliche Ansichten in den Vordergrund rückten. Der Wunsch nach Vereindeutigung des Geschlechts, also die ganz klare Binarität von Mann und Frau, entspringt dabei selbst bereits einem diskretisierten Verständnis – Schubladendenken – von Geschlecht und Sexualität. Dieses ist allerdings keineswegs “natürlich” gegeben, sondern wird immer auch sozial geformt. Es ist durchaus möglich, Geschlecht und Sexualität als ein Spektrum zu denken, auf dem sich viele verschiedene, nicht immer klar unterscheidbare Formen abbilden können. So startete der Vortrag von Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß mit einer klaren Kritik an Aussagen, welche in jüngster Zeit an einigen Universitäten und in der deutschen Presse zu hören und zu lesen waren. Daraufhin wandte er sich der biologischen Forschung zu, welche den Ausdifferenzierungsprozess des phänotypischen Geschlechts untersucht. Die vom Genom regulierten Prozesse der Geschlechtsentwicklung wurden dabei veranschaulicht und offene Forschungsfragen vorgestellt. Letztendlich war somit ein spannender Gedanke, den wir mitnehmen konnten, dass auch die biologische Grenze von weiblich und männlich zwischen entwickelten Geschlechtsorganen von der Gesellschaft definiert wird.

Anti-Ableismus

Karoline Hinkfoth

Ableismus ist ein Begriff, abgeleitet von dem englischen Wort “Ableism” aus der US-amerikanischen Behindertenbewegung, die sich gegen Diskriminierung von Menschen mit Behinderung einsetzte. Anti-Ableismus setzt sich dafür ein, diskriminierende, ableistische Strukturen abzubauen.

Der Vortrag von einer Coachin für Positive Psychologie, Karoline Hinkfoth, die selbst im Rollstuhl sitzt, stellte solche Strukturen besonders im medizinischen Bereich in Frage. Wie sehen wir Behinderung, wie kommunizieren wir mit Menschen mit Behinderung und wie sehr sind wir darauf ausgerichtet, dass Menschen mit Behinderungen alltägliche Einrichtungen nutzen können?

Ein Teil dieser Realität wurde schon einmal in unserem Beitrag “Barrierefreiheit in der Münchner Medizin – eine Fotodokumentation” thematisiert.

Behinderung ist nicht gleichzusetzen mit Krankheit. Die Umwelt mit ihren Alltagsgegenständen und Einrichtungen sowie mentale Einstellungen anderer Menschen wirken behindernd auf Personen. Das System, in dem ein optimales Bild des Menschseins gezeichnet wird und das auf genau diese körperlichen und geistigen Bedürfnisse und Fähigkeiten ausgerichtet ist, kommt vor allem in der ambulanten medizinischen Versorgung zum Vorschein. Karoline Hinkfoth erzählte in ihrem Vortrag viel aus ihrem eigenen Leben, von ihren eigenen Erfahrungen und besonders von einzelnen Situationen mit Ärzt*innen. Hierbei stand nicht nur die Barrierefreiheit im Vordergrund, sondern auch die Kommunikation mit ihr als Frau im Rollstuhl. Sie kritisierte die fehlende Sensibilisierung und das fehlende Wissen von medizinischem Fachpersonal. Wir diskutierten über verschiedene Fragen, dabei kam besonders das Thema der medizinischen Lehre bezogen auf Behinderung auf. Inwiefern sehen wir Behinderungen als Krankheiten an, die es zu heilen gilt? Darf nur der gesunde Mensch ohne Behinderung heilen? Der Vortrag bot einen interessanten Einblick in persönliche Erfahrungen, aber auch eine kritische Perspektive bezüglich der Realität für Menschen mit Behinderung im medizinischen Bereich sowie das medizinische Bild vom gesunden Menschen.

Kritische Medizin München © 2023

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