Die Geschichte der Tropenmedizin in Deutschland ist maßgeblich verwickelt mit der Kolonialzeit und insbesondere der deutschen kolonialen Erfahrung. In diesem Text möchten wir einen kurzen Überblick der Entstehungsgeschichte der Tropenmedizin bieten und analysieren, inwiefern die Kolonialzeit hierbei einen Einfluss hatte.

 

Ein Text von Anastasia Akhalkatsi, David Kamiab Hesari, Hannah Kilgenstein, Julius Mutschler, Julius Poppel, Johanna Schwarz und Lorena Wanger

Königlich Preußisches Institut für Infektionskrankheiten (um 1900)

Robert Koch und die Gründung der Bakteriologie

Dem Robert-Koch-Institut (RKI) kommt im Zuge der Bekämpfung der Covid-Pandemie eine zentrale Rolle zu. Wir möchten die große Aufmerksamkeit, die das Institut dadurch aktuell erfährt, als Anlass nehmen, dessen Namensgeber in den Blick zu nehmen: Der Mediziner Robert Koch gilt durch seine Entdeckung des Tuberkuloseerregers 1882 als Mitbegründer der Bakteriologie und erhielt dafür 1905 den Nobelpreis. Seit 1942 trägt das Bundesinstitut für Infektionskrankheiten seinen Namen. Mit der seit 2017 von der ARD ausgestrahlten Fernsehserie “Charité” gerät Robert Kochs Wirken zwar mehr in das  öffentliche Interesse, dennoch ist die koloniale Vergangenheit des Namensgebers kaum präsent. Zahlreiche Gedenkstätten, Ehrungen, Schulen und Straßen tragen dennoch den Namen des ehemaligen Bakteriologen. 

Ende des 19. Jahrhunderts stellte die Tuberkulose eine der häufigsten infektiologischen Todesursachen dar, dementsprechend groß war das Interesse an einer erfolgreichen Behandlungsmethode. 1882 gelang es Robert Koch durch die Entdeckung des Tuberkulosebakteriums die Ursache dieser Erkrankung aufzudecken [1]. Vorangetrieben durch ihn und Louis Pasteur etablierte sich im Zuge dessen die Bakteriologie als eigenständige Fachdisziplin. Im Gegensatz zu der bis dahin von bedeutenden Wissenschaftlern wie Max von Pettenkofer vertretene Miasmenlehre, welche als Grund für die Entstehung von Krankheiten in erster Linie kontaminierte Luft und verseuchte Böden annahm, konzentrierte sich die neu entstandene Bakteriologie auf die Postulierung und Erforschung kleinster Krankheitserreger [2]. Durch diesen Paradigmenwechsel hin zur Bakteriologie etablierte sich allerdings eine Fixierung auf eine meist monokausale Sichtweise zur Genese von Infektionserkrankungen. Diese Perspektive führte zu der Hoffnung, Krankheiten wirksam kontrollieren zu können, sobald der Krankheitserreger gefunden sei und direkt bekämpft werden könne [2]. Umweltbedingungen, soziale Komponenten oder andere multifaktoriellen Risikofaktoren gerieten dabei immer mehr in den Hintergrund. 

Bei einer Tagung in Berlin stellte Koch im Jahr 1890 unerwarteter Weise ein Heilmittel vor, das er Tuberkulin nannte. Zu der damaligen Zeit war es nicht üblich, den Wirkstoff oder dessen Wirkmechanismen zu veröffentlichen, daher blieb der Inhalt des Tuberkulins der Fachöffentlichkeit unbekannt. Die zunächst euphorisch begrüßte Anwendung erwies sich jedoch als nicht wirkungsvoll. Es häuften sich sogar die Meldungen von überraschenden Todesfällen [2]. Dem Arzt Rudolf Virchow gelang es, durch eine pathologische Untersuchung Verstorbener nachzuweisen, dass Tuberkulin die Bakterien nicht abtötet, sondern latent vorhandene Bakterien sogar aktiviert. Koch musste im Verlauf eingestehen, dass er selbst nicht genau wusste, welche Wirkstoffe in seinem Heilmittel enthalten waren. Auch hatte er zwar angegeben, das Medikament in Tierversuchen erprobt zu haben, doch konnte er diese im Nachhinein nicht vorlegen. So sah sich der damals bereits renommierte Forscher mit einem breiten öffentlichen Widerstand konfrontiert. Der Tuberkulin-Skandal führte zu strengeren Regularien und Kontrollen bei Medikamentenstudien [3]. Als Emil von Behring 1893 beispielsweise sein Diphtherie-Antitoxin vorstellte, waren dem langwierige klinische Tests vorangegangen [4].

Der Beginn der Tropenmedizin

1892 war Hamburg von einer schweren Cholera-Epidemie betroffen, an der fast 9.000 Menschen verstarben. Koch konnte hier seine Theorie überzeugend mit der Entdeckung des Bakteriums Vibrio cholerae demonstrieren, dessen Ausbreitung im Trinkwasser für die Epidemie verantwortlich war. Allerdings fehlte es noch an einem wirksamen Gegenmittel [5]. 

Insgesamt war diese Epidemie jedoch kein Einzelfall. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts war der europäische Kontinent immer wieder von schweren Epidemien betroffen. Der verstärkte Schiffsverkehr im Zuge des Kolonialismus begünstigte dabei die Verbreitung infektiöser Erreger. Insbesondere Reisende aus Kolonien in tropischen Gebieten brachten teils unbekannte Erkrankungen mit nach Europa. Der englische Arzt Sir Patrick Manson gründete in Folge dessen 1899 die London School of Hygiene & Tropical Medicine und gilt damit als Begründer der Tropenmedizin. Zur etwa gleichen Zeit und im Rahmen der Cholera-Epidemie in Hamburg gründete sich das Hamburger Tropeninstitut und 1907 die „Deutsche Tropenmedizinische Gesellschaft“. Heute heißt das Hamburger Tropeninstitut – benannt nach seinem ersten Direktor – Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin.

Einige Jahre zuvor, im Jahr 1883, erreichte die deutsche Regierung die Nachricht einer Cholera-Epidemie in Ägypten. Diese schickte, gleichsam mit anderen imperialistischen Ländern,  Wissenschaftler zur weiteren Erforschung der Erkrankung, darunter auch Robert Koch [2]. Als risikoreiche Humanexperimente in Deutschland am wachsenden öffentlichen Widerstand scheiterten, gewann der durch den Ausbau der europäischen Herrschaft auf dem afrikanischen Kontinent gewonnene Experimentierraum deutlich an Bedeutung: Auf ihren Reisen in die Kolonien trafen Forschschende auf gleiche oder ähnliche Infektionskrankheiten wie in Europa und erhofften sich durch die genaue Untersuchung der betroffenen Menschen in den Kolonien, wirksame Maßnahmen zurück nach Europa bringen zu können. Dabei führten die Wissenschaftler Menschenversuche ohne Einwilligung der einheimischen Bevölkerung durch [6]. Im Zuge des damaligen imperialistischen Wetteiferns fand sogar ein regelrechter Wettkampf um die Erforschung und Beschreibung des Cholera-Erregers statt. Nach Kochs Aufenthalt in Ägypten wurde er auf eine weitere Expedition nach Kalkutta entsandt. Dort gelang es ihm, den Erreger nachzuweisen. Die Rückkehr nach Berlin im Mai wurde so als Triumphzug inszeniert. Unbeachtet dabei blieb die starke Beteiligung und Unterstützung der britischen Kolonialregierung sowie einheimischer Ärzte. So wuden Kochs Forschungsgruppe beispielsweise regelmäßig Leichnamen an Cholera verstorbener Inder*innen zur Verfügung gestellt [2]. 

Es folgten weitere Forschungsexpeditionen in deutschen Kolonien. Motivation dafür war die Erforschung von Krankheiten, die ebenfalls im Kaiserreich vorzufinden waren, wie beispielsweise Malaria – damals Wechselfieber genannt – oder Typhus. Darüber hinaus begegneten deutschen Kolonisierenden jedoch auch unbekannte epidemische Erkrankungen, die sowohl für die einheimische Bevölkerung als auch für die Kolonisierenden selbst eine existenzielle Gefahr darstellten. Im britischen Protektorat Uganda breitete sich beispielsweise um 1900 eine Schlafkrankheitsepidemie aus, die in nur wenigen Jahren einer Viertelmillion Menschen das Leben kostete. Damit war auch ein Großteil der Arbeitskräfte bedroht, auf die die Briten für den Ausbau ihrer kolonialen Infrastruktur angewiesen waren. Die Erforschung dieser tropischen Erkrankungen und deren systematische Seuchenbekämpfung wurde daher zu einem essentiellen Teil des kolonialen Projekts [6,7].

Kritische Betrachtungen der Kolonialmedizin

Malaria in Europa

Die neu entstandene Tropenmedizin offenbart bereits in ihrer Namensgebung eine koloniale Perspektive. Zunächst befasste sie sich nicht – wie der Begriff vermuten lässt – mit tropenspezifischen Erkrankungen. Die sogenannten “Tropenkrankheiten” wurden 1899 vom Mitbegründer Patrick Manson als Erkrankungen mit geographischem Ursprung in den Tropen definiert, die durch eine parasitäre Lebensweise ein- oder mehrzelliger Organismen und einen obligaten Reifezyklus im Wirt gekennzeichnet sind, wie beispielsweise die Malaria. Jedoch lässt sich der geographische Ursprung dieser Krankheiten keinesfalls nur in den Tropen verorten. Die Krankheit Malaria wird durch Protozoen der Gattung Plasmodium verursacht. Plasmodien sind intrazelluläre Parasiten, deren Entwicklungszyklus in zwei Teilen verläuft: einem ungeschlechtlichen Zyklus im menschlichen Wirt und einem geschlechtlichen in einer weiblichen Überträgermücke (Anophelesmücke). Die Symptomatik reicht von hohem Fieber, Übelkeit, Erbrechen, Kopf- und Gliederschmerzen bis hin zu Hämolyse, Hepatosplenomegalie, akutem Nierenversagen, Herzinsuffizienz, Schock und Koma. Zur medikamentösen Therapie stehen mittlerweile zahlreiche Substanzen zur Verfügung, wie zum Beispiel Artemether/Lumefantrin oder Atovaquon/Proguanil. Die Plasmopodien können sich in ihrem Vektor, der Anophelesmücke, nur zwischen 16 und 33°C, beziehungsweise bei der Malaria tropica zwischen 22° und 33°, und nur unter 2200 Höhenmetern vermehren. Zudem benötigt die Anophelesmücke sauberes Gewässer zum Brüten, was vor allem in ruralen Gebieten ausreichend zur Verfügung steht. Diese Umstände treffen jedoch auch auf weite Gebiete Europas zu, sodass die Malaria auch hierzulande über Jahrhunderte heimisch war. Im Jahre 1826 soll im Zuge einer Epidemie an der Nordseeküste sogar jedes zweite Kind an Malaria erkrankt gewesen sein [8]. Dabei handelte es sich zwar vorwiegend um eine milder verlaufende Form (Malaria tertiana), jedoch kann prinzipiell auch die Malaria tropica von einheimischen Anophelesmücken übertragen werden.

Berechtigterweise ließe sich also sagen, dass die Malaria vielmehr eine Erkrankung der Armut und des ruralen Lebensstils ist als eine rein klimaspezifische Erkrankung.

Eine Reihe von Maßnahmen, wie die Trockenlegung von Sümpfen, die Flussregulierung und der Kanalisationsbau, die eine Einschränkung der Lebensbedingungen der Anophelesmücke zum Ziel hatten, führten zum Rückgang der Malaria gegen Ende des 19. Jahrhunderts [9]. 

Trotz dieser Vorkehrungen traten regional immer wieder Fälle von Malaria auf, wie zum Beispiel 1945/1946 unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg bei Soldaten, die in den Rheinwiesen ihr Lager aufgeschlagen hatten.  Europaweit gab es im Jahr 1995 sogar noch 90.000 Malariafälle und erst 2005 wurde Europa durch die WHO als malariafrei eingestuft [10]. Der gesellschaftliche Strukturwandel, der durch eine zunehmende Urbanisierung und einen Rückgang des Landwirtschaftssektors zugunsten des Dienstleistungssektors charakterisiert ist, führte zu deutlich weniger Exposition des Menschen gegenüber den in den Naturräumen lebenden, potenziell infektiösen Insekten und ihren Wirten, den Nutztieren [9]. Schlussendlich trugen auch die flächendeckende medizinische Versorgung und eine von der WHO empfohlene Anwendung des Insektizids Dichlordiphenyltrichlorethan in der Landwirtschaft bedeutend zur Ausrottung der Malaria in Europa bei [11]. 

Berechtigterweise ließe sich also sagen, dass die Malaria vielmehr eine Erkrankung der Armut und des ruralen Lebensstils ist als eine rein klimaspezifische Erkrankung. Auch die anderen Krankheiten, die die Tropenmedizin seit ihrer Gründung untersucht, lassen sich kaum geografisch klassifizieren, sondern sind vielmehr globale Erkrankungen der Armut und Ruralität, wie die Cholera und Tuberkulose, die gerade in den europäischen Metropolen im Rahmen der Industrialisierung im 18. und 19. Jahrhundert weite Verbreitung fanden. Die Historikerin Manuela Bauche spricht daher von der Erfindung der Tropenkrankheiten und von “Malaria als Politikum und Forschungsobjekt“ [12]. Durch die sprachliche Markierung von mit Armut und Ruralität assoziierten Erkrankungen als “Tropenkrankheiten”, wurde eine Sicht auf afrikanische Länder als “Seuchenländer” geschaffen, die sich bis heute in der medialen Berichterstattung wieder findet.

Politische Agenda der Tropenmedizin

Das wachsende wissenschaftliche Interesse an Malaria und der Fokus der Forschungsuntersuchungen auf afrikanische Länder erklären sich laut Bauche durch die kolonialpolitischen Interessen Deutschlands [12]. Malaria galt in den Augen der europäischen Regierung mit als wichtigstes Hindernis bei der Kolonisierung afrikanischer und asiatischer Gebiete [6]. So sagte Robert Koch 1898 vor der Deutschen Kolonialgesellschaft in Berlin: „Wenn wir Herr werden über die Malaria, ist das gleichbedeutend mit der friedlichen Eroberung der schönsten, fruchtbarsten Länder der Erde.” [13]. Er war überzeugt davon, „daß wir unseres Kolonialbesitzes nicht eher froh werden, als bis es uns gelingt, Herr dieser Krankheit zu werden.“ [13]. Die Bekämpfung der Malaria in den Kolonien war also keineswegs vom Wunsch zu helfen geleitet, sondern durch koloniale und ökonomische Interessen begründet.

Das Vorgehen der Malariabekämpfung beruhte nun wesentlich auf dem gezielten Herstellen von Differenzen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Die einheimische Bevölkerung wurde zum Ursprung und damit zur Ursache von Malaria und somit zur Zielscheibe von zahlreichen Maßnahmen gemacht, die einen systematischen Ausschluss zur Folge hatten. Welche konkreten Konsequenzen das für die einheimische Bevölkerung hatte, lässt sich am Beispiel der Stadt Douala, dem heutigen wirtschaftlichen Zentrum Kameruns, erkennen. Der deutsche Tropenmediziner und Leiter der Medizinalverwaltung der Kolonie Kamerun, Hans Ziemann, verfasste 1910 ein ausführliches Gutachten, das die Enteignung und Segregation der Douala rechtfertigen sollte. Die Douala mussten ihre Wohnplätze am Fluss Wouri verlassen und wurden gewaltsam in einen Isolationsbereich umgesiedelt, der  durch eine kilometerbreite unbebaute Zone, den sogenannten “cordon sanitaire”, vom Bezirk der Europäer*innen abgetrennt war [14]. Dieses Projekt konnte zwar vor dem Ende der deutschen Kolonialherrschaft über Kamerun nicht abgeschlossen werden, das Vorhaben alleine zeigt jedoch, wie stark Malaria zu einer Bedrohung für Weiße stilisiert wurde.

Hierbei wird deutlich, dass das zugrundeliegende Weltbild der Kolonisierenden stets von der Vorstellung kultureller und rassischer Überlegenheit geprägt war, mit der sie nicht nur die Erforschung und Bekämpfung von Krankheiten in den Kolonien betrieben, sondern auch den Herrschaftsanspruch selbst legitimierten. Viele Forschende wie auch der Mediziner Sir Godrey Huggens sahen sich dabei als “island of white in a sea of darkness”. Geeint in diesem rassischen Überlegenheitsgedanken, wurden sogar tiefgreifende nationalistische Rivalitäten und das Wettbewerbsstreben zwischen den Kolonialmächten überwunden und es kam zu einem regen transnationalen wissenschaftlichen Austausch, sodass die Tropenmediziner:innen auf ihren Forschungsreisen regelmäßig die Grenzen ihrer Hoheitsgebiete überschritten. Die sogenannten “Zivilisierungsmissionen” wurden regelrecht als selbstlos und heldenhaft inszeniert – ein Bild, welches sich bis heute gehalten hat.

Die Zuschreibung dieser Rolle bei der Übertragung von Malaria hat es ermöglicht, die lokale Bevölkerung zur Zielscheibe von Bekämpfungsmaßnahmen zu machen.

Der französische Feldmarschall und spätere Militärgouverneur Marokkos, Hubert Lyautey, bezeichnete die Tropenmedizin in diesem Sinne als zentral für die Durchdringung und Befriedung der Kolonien und die Medizin als einzige Entschuldigung für den Kolonialismus [15]. Der erhebliche medizinische Fortschritt, der durch die Entwicklung neuer Medikamente und Impfstoffe erlangt wurde, ebnete jedoch auch den Weg für die koloniale Herrschaft selbst und sollte die die Gesundheit der Kolonisierenden als auch die Versorgung mit lokalen Arbeitskräften sichern.

Als Folge  wurden in den Kolonien zahlreiche Menschenversuche mit unter Umständen tödlichem Ausgang durchgeführt. Die Medikamentenforschung am Menschen fand teils in Internierungslagern statt, blieb weitgehend unkontrolliert und wurde durch Gewalt aufrechterhalten.

Muster kolonialen Denkens

Der Journalist Mark Terkessidis prägte die Etablierung des Begriffs des rassistischen Wissens (racial knowledge), welches eine Analysekategorie darstellt, die Rassismus nicht als persönliche Einstellung oder als Vorurteil, sondern als inhärenten Teil des gesellschaftlichen Wertesystems untersucht. Dabei bestehe dieses Wissen aus Vorstellungen, die von einem klaren Konsens der Mehrheit aller Mitglieder der Gesellschaft über „Fremde“ gestützt würden. Sie würden vor allem durch gesellschaftliche Praxis gelebt und seien durch eine enge Verbindung mit Institutionen geprägt, wie zum Beispiel dem Arbeitsmarkt [16]. Der Philosoph David Theo Goldberg betont, dass dieses rassistische Wissen auf etablierten Wissenschaften beruht. Von Anthropolog:innen, Biolog:innen und Mediziner:innen geleitete “Völkerschauen”, pseudowissenschaftliche Vermessungen und Sammlungen von menschlichen Überresten sollten vermeintliche rassische Unterschiede konstatieren. So wurden etwa Zusammenhänge von Schädelform mit Intelligenz, Zivilisation und Wertigkeit konstruiert (17). Durch den erweckten Anschein von Wissenschaftlichkeit und scheinbarer Universalität, gewann rassistisches Wissen an Legitimität und Autorität. Gleichzeitig trugen rassistische Vorstellungen historisch selbst zum Erscheinen und Aufstieg dieser Wissenschaftsfelder bei. “Rasse”, so Goldberg, sei ein grundlegendes kategoriales Objekt dieser Wissenschaften und in manchen Fällen sogar der begründende Fokus wissenschaftlicher Analysen gewesen [18]. Im Rahmen seiner Untersuchungen zur  Wissensproduktion während der deutschen Kolonialzeit stellte der Politologe Kien Nghi Ha fest, dass die Kolonien nicht nur als Produktionsstätte materieller Güter Verwendung fanden, sondern auch als “Laboratorien der Moderne” gesehen wurden. So seien durch Reiseliteratur, Fotografien, Völkerschauen und andere Medien Bedürfnisse nach Exotismus bedient und rassistische Stereotypisierungen massenhaft erfahrbar gemacht worden [19]. Prägend sei dabei die Inszenierung der “Fremden” gewesen, welche durch den Blick des weißen Subjekts auf eine ganz bestimmte Weise kolonialpädagogisch aufgeladen wurde. Die koloniale Erfahrung prägte das gesellschaftliche Weltbild weißer Überlegenheitsvorstellungen und leistete dem kolonialen Eroberungseifer Vorschub. Die Worte des viel beachteten, als Humanist gefeierten Arztes Albert Schweitzer, der selbst lange Zeit im zentralafrikanischen Gabun lebte, spiegeln die paternalistisch-erzieherisch geprägten europäischen Rassismus und Imperialismus wieder: “Ich soll ihm zeigen, dass ich die Menschenwürde in jedem Menschen achte. (…) Aber die Hauptsache ist, dass die Brüderlichkeit geistig vorhanden ist. Der N. ist ein Kind. Ohne Autorität ist bei einem Kinde nichts auszurichten. Den N. gegenüber habe ich dafür das Wort geprägt: Ich bin dein Bruder; aber dein älterer Bruder.” [20]. Kien Nghi Ha betont, dass in diesem Prozess auch die wissenschaftliche Forschungsarbeit keine aufklärerische oder kritische Rolle angenommen habe, sondern benennt akademische Disziplinen wie Botanik, Geographie, Anthropologie und eben die Tropenmedizin als nahezu ausnahmslos willige Kolonialtechniken [19].

Die koloniale Erfahrung prägte das gesellschaftliche Weltbild weißer Überlegenheitsvorstellungen.

Die koloniale Vergangenheit der Tropenmedizin sowie die von Rassismus geprägte Wissenschaftsgeschichte der gesamten Medizin finden jedoch weiterhin kaum Erwähnung oder gar eine tiefergehende selbstkritische Bearbeitung. Wir rufen daher entschieden dazu auf, den institutionellen und strukturellen Rassismus moderner medizinischer Vorstellungen aufzuarbeiten. Insbesondere die Tropenmedizin, die vor dem Hintergrund europäischer Kolonialherrschaft entstanden ist, trägt in unseren Augen eine besondere Verantwortung, die auch eine kritische Reflexion kolonialer Begrifflichkeiten einschließt. Die Sprachkritikerin Frau Prof’in. Dr’in. Susan Arndt, die zur Dekolonisierung der Sprache aufruft, erläutert in einem Interview inwiefern in historischen Wörtern weiterhin rassistische Gewalt steckt [21]. Der bedeutende historische Beitrag der Medizin und insbesondere der Tropenmedizin zur kolonialen Eroberung, Oppression und Ungleichheit bedarf längst einer aktiven und differenzierten Aufarbeitung sowie eine kritischen Erinnerungskultur innerhalb der Medizin. Insbesondere im Rahmen der aktuellen Pandemie, die den Keil zwischen dem globalen Norden und Süden vorantreibt, sehen wir eine kritische Analyse sowie eine reflektierte Praxis antikolonialer Bestreben als essentiell.

Literaturverzeichnis

  1. Manfred Vasold: Robert Koch, der Entdecker von Krankheitserregern.Spektrum der Wissenschaften Verlagsgesellschaft, Heidelberg 2002, ISBN 3-936278-21-0
  2. Christoph Gradmann: Laboratory Disease, Robert Koch’s Medical Bacteriology. The Johns Hopkins University Press, Baltimore 2009, ISBN 978-0-8018-9313-1
  3.  Eckart Klaus Roloff: Held im Zwielicht. Robert Koch – der berühmte Mediziner, vor 100 Jahren mit dem Nobelpreis geehrt, hat große Verdienste. Weniger bekannt sind seine verhängnisvollen Fehler und Irrtümer. In: Rheinischer Merkur. (Bonn), Nr. 49 vom 8. Dezember 2005, S. 35.
  4. Christoph Gradmann: Locating Therapeutic Vaccines in Nineteenth-Century History. In: Science in Context. Band 21, Nr. 2, 2008
  5. Dorrmann, Michael: Das große Sterben. Seuchen machen Geschichte. Berlin, 1999, S.237-246.
  6. Eckart, Wolfgang U.: Medizin und Kolonialimperialismus. Deutschland 1884-1945. Paderborn, 1997.
  7. Lyons, Maryinez: The Colonial Disease. A Social History of Sleeping Sickness in Northern Zaire, 1900-1914. Cambridge & New York, 1992.
  8. Hygiene-Institut Hamburg: Cholera in Hamburg 1892. 2003.
  9. Lieshout, M. van, R.S. Kovats, M.T.J. Livermore, P. Martens: Climate Change and malaria: analysis of the SRES Climate and socio-economic scenarios. Global Environmental Change 14, 2004, S.87-99.
  10. WHO Infographic Malaria free Europe. 2016. (http://www.euro.who.int/en/health-topics/communicable-diseases/vector-borne-and-parasitic-diseases/malaria/data-and-statistics/infographic-malaria-free-europe-2016)
  11. Meyer, C.G.: Malaria in Europa: Ein historischer Rückblick, in: Warnsignal Klima, 2008. Gesundheitsrisiken. Gefahren für Pflanzen, Tiere und Menschen. Hamburg, Freiburg, Bonn, List/Sylt. 165-168.
  12. Bauche, Manuela: Medizin und Herrschaft: Malariabekämpfung in Kamerun, Ostafrika und Ostfriesland 1890-1919. 2017
  13. Reimer, D: Ergebnisse der vom Deutschen Reich ausgesandten Malaria-Expedition; Vortrag gehalten von Robert Koch in der Abteilung Berlin-Charlottenburg der Deutschen Kolonialgesellschaft. Robert Koch. 2004.
  14. Hoffmann, Florian: Die kaiserliche Schutztruppe und ihr Offizierskorps. Okkupation und Militärverwaltung in Kamerun. Etablierung und Institutionalisierung des kolonialen Gewaltmonopols. 2007, S.248-252. 
  15. http://www.goettingenkolonial.uni-goettingen.de/index.php/disziplinen/medizin
  16. Mark Terkessidis: Woven into the texture of things. Rassismus als praktische Einheit von Wissen und Institution. In: Andreas Disselnkötter, Siegfried Jäger, Helmut Kellershohn, Susanne Slobodzian (Hrsg.): Evidenzen im Fluß. Demokratieverluste in Deutschland. Modell D – Geschlechter – Rassismus – PC. DISS, Duisburg 1997, ISBN 3-927388-60-2
  17. Conrad, Sebastian: Deutsche Kolonialgeschichte. München, 2016.
  18. Goldberg: Racist Culture. 1993, S. 148 ff.
  19. Kien Nghi Ha: Macht(t)raum(a) Berlin – Deutschland als Kolonialgesellschaft. In: Eggers u. a. (Hrsg.): Mythen, Masken und Subjekte, 2005.
  20. Chinua Achebe: An Image of Africa: Racism in Conrad’s Heart of Darkness. In: The Massachusetts Review, 1977.
  21. https://www.deutschlandfunk.de/sprache-dekolonisieren-in-rassistischen-woertern-steckt.911.de.html?dram:article_id=482811

Kritische Medizin München © 2021