„Eine Abtreibung ist die wahrscheinlich schwierigste Entscheidung deines Lebens“ – meine Erfahrung mit einer christlichen Beratungsstelle

Mittels einer Fake-Identity lasse ich mich online bei einer bekannten christlichen Beratungsstelle hinsichtlich eines Schwangerschaftsabbruchs beraten. Das Gespräch ist geprägt von emotionaler Übergriffigkeit, Manipulation und versteckter Ideologie. Hier sind meine Erfahrungen. 

Von Pulle | 01. Januar 2021, 22:03 | kritische medizin münchen

Triggerwarnung: Im folgenden Text wird der E-Mail-Austausch einer Aktivist:in mit einer einschlägig bekannten, christlichen Beratungsstelle aufgearbeitet. Der hier zu lesende Inhalt kann Betroffene einer starken emotionalen Belastung aussetzen, da hier mit Techniken der Manipulation und Suggestion gearbeitet wird, die eine momentan oder ehemals im Konflikt einer ungewollten Schwangerschaft befindliche Person verunsichern und/oder retraumatisieren können. 

Inhalt

Ich google Schwangerschaftsabbruch und finde ganz oben eine christliche Beratungsstelle. Zusammen mit Freund:innen entsteht „Lucy“, welche Kontakt aufnimmt. 

Ich bekomme eine erste Antwort. Dabei wird mir verdeutlicht, dass „Herz und Verstand miteinander ringen.“ Mit werden meine Gefühle erklärt.

Um mich bei meiner Entscheidung zu unterstützen bitte ich um eine Beratung hinsichtlich möglicher Hilfsangebote für Menschen in meiner Situation. 

Nun wird zum ersten Mal mein Partner in das Gespräch gebracht. Ich erhalte eine recht düstere Vermutung seiner Reaktion.

Was hat diese Erfahrung mit mir gemacht?

Teil 1: Kontaktaufnahme

Da sich unsere AG Sexuelle Selbstbestimmung für die vollständige Legalisierung und den sicheren Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen einsetzt, bleibt die Beschäftigung mit Abtreibungsgegner:innen und ihren Netzwerken nicht aus. Im Netz kursiert eine Vielfalt an Falschinformationen rund um das Thema Abtreibung. Oft werden diese bewusst durch Organisationen verbreitet, deren oberstes Ziel es ist, Menschen zur Fortführung ihrer ungewollten Schwangerschaft zu überreden. Dabei bedienen sich diese Gruppen zum Teil sehr verantwortungsloser und manipulativer Methoden. Wir sehen es als unsere Aufgabe, an dieser Stelle gezielte Aufklärung zu betreiben, um Betroffene vor falschen Beratungsangeboten zu schützen. Es geht dabei ausdrücklich nicht darum, den Schwangerschaftsabbruch zu verharmlosen.

Gleich das dritte Suchergebnis einer Google-Anfrage mit dem Begriff „Schwangerschaftsabbruch“ führt auf die Seite einer mittlerweile viel kritisierten Beratungsorganisation von „Lebensschützer:innen“, die in ihrer Namensgebung nicht zufällig mit einer bekannten staatlichen Beratungsorganisation verwechselbar ist. Ziel dieser Stelle ist es, durch geschultes Personal Menschen im Schwangerschaftskonflikt davon zu überzeugen, die Schwangerschaft zu erhalten.

Manipulation und Geldangebote an die schwangere Person sind in der spendenfinanzierten Organisation daher probate Mittel, die dazu führten, dass sie in der Vergangenheit bereits des Öfteren von verschiedenen Medienvertreter:innen untersucht wurde. Die fragwürdigen Methoden zum „Schutz ungeborenen Lebens“ wurden von Verbänden, Medien und auf parteipolitischer Ebene stark kritisiert. Eine Schließung der Münchner Stelle wurde im September 2020 von Vertreter:innen aus „Die Partei“ und „Die Linke“ im Stadtrat gefordert. 

Im öffentlich zugänglichen Jahresbericht von 2015 der Mutterorganisation 1000Plus rühmt man sich mit einer hohen Suchmaschinenoptimierung, die dafür sorgt, dass ungewollt Schwangere innerhalb kürzester Zeit auf beschriebener Website landen. Im Jahr 2015 verzeichneten sie 1.230 direkt-Beratungsfälle, davon 1.079 Beratungen per Telefon, 129 per E-Mail, 22 persönlich. Bezüglich der beratenen Personen, deren Angaben vollständig waren, konnte festgestellt werden, dass 26% der Betroffenen minderjährig waren und 37% bereits Kinder hatten. Das Alter der beratenen Personen rangierte zwischen 12 und 48 Jahren, 29,2% von ihnen waren zwischen 25 und 34 Jahren alt, nach Aussage von 1000PLUS also „im ‚besten Alter‘ für Kinder“.

 

In der Vorbereitung auf den Safe Abortion Day im September 2020 möchte ich mehr zu dieser Organisation und ihren Arbeitsmethoden in der Beratung erfahren und starte eine E-Mail-Konsultation unter falschem Namen und Mail-Account. Ich hatte selbst noch keinen Schwangerschaftsabbruch und möchte mit dieser Recherchearbeit auf keinen Fall suggerieren, den Abbruch als solchen sowie die psychische Belastung durch eine ungewollte Schwangerschaft nicht ernst zu nehmen – im Gegenteil. Mir ist die Sensibilität des Themas durchaus bewusst und genau das bewegt mich im September dazu, diese Recherche zu beginnen, um einen Einblick in die unverantwortliche Arbeit selbsternannter Lebenschützer:innen zu bekommen.

 

Teste Dich: abtreiben ja oder nein?

 

Die Seite, die zuerst so professionell und einfühlsam in dezenten Weiß-, Lindgrün- und Grautönen daher kommt, entpuppt sich auf fachlicher Ebene schnell als schlechter Abklatsch einer Teenie-Zeitschrift.

Beim Blick in die Task-Leiste erscheint gleich zuallererst der Menü-Punkt „Teste Dich“. Neben einem „Abtreibungskostenrechner“, einem „Online-Schwangerschaftstest“, einem „Tox-Test“ zur Abklärung der Kindsgesundheit und vielen weiteren haarsträubenden Tests, die auf jeden Fall in die Hände von persönlich betreuendem Fachpersonal gehören, findet sich auch die Option des „Abtreibungstests“: „Wir beraten, Du entscheidest – 100% individuell“.

Verheißungsvoll heißt es nun auf der Testseite, dass ich in dieser herausfordernden Situation hier genau richtig sei. Wir werden sehen…

Um meine persönlichen Überzeugungen in der Erstellung der falschen Person nicht überhand gewinnen zu lassen, schicke ich ein paar Fragen aus dem Test zur Beantwortung an Freund:innen und fordere sie auf, ein paar Ideen für die freien Textfelder zu schicken. Heraus kommt das Profil einer jungen Studentin:

„Lucy“ ist zwischen 20 und 30 Jahre alt und hat vor 2 Tagen per Drogerie-Test von ihrer Schwangerschaft erfahren, ist somit ca. in der 4. Schwangerschaftswoche. Das alles kam für sie sehr überraschend. Sie ist stark verunsichert, der Zeitpunkt passt gerade überhaupt nicht. Um das Klischee, das auf der Website über Männer aufgebaut wird, zu bedienen, hat Lucy außerdem Angst, von ihrem Partner verlassen zu werden, sobald er von der Schwangerschaft erfährt. Ihre Kindheit verlief nicht optimal, sie habe sich in ihrer dauerhaft gestressten Familie oft nicht willkommen gefühlt und habe die Befürchtung, keine gute Mutter sein zu können, obwohl sie im Zusammensein mit intakten Familien auch ein positives Grundgefühl verspüre (Dieser Satz wird von den Berater:innen noch öfter aufgegriffen).

Teil II: Eine erste Antwort

Am nächsten Abend checke ich das E-Mail Postfach meines Fake-Accounts, ein:e Berater:in hat sich gemeldet und bedankt sich für mein Vertrauen.

Die einleitenden Sätze behandeln in ein paar Floskeln meine angegebene Verunsicherung. Wahrscheinlich habe es mir „den Boden unter den Füßen weggezogen“, da sei es nur nachvollziehbar, wenn mich jetzt die unterschiedlichsten Aspekte beunruhigen würden.

Gleich im folgenden Absatz wird die erste Wertung vorgenommen: „Sie haben angeklickt, dass ein Kind zum jetzigen Zeitpunkt nicht passend wäre, sodass sie jetzt auch über den schweren Schritt einer Abtreibung nachdenken. Sie benennen hierfür vor allem finanzielle, aber auch persönliche Gründe, die mit ihrer Kindheit zu tun haben, sowie die momentane Haltung ihres Partners.“

Lucy äußerte im Test, wie bereits erwähnt, dass sie unsicher sei, wie sie sich entscheiden solle. Darauf folgt im nächsten Absatz prompt eine weitere Provokation von Zweifeln: „Auf der anderen Seite ahnen Sie möglicherweise aber, dass eine Abtreibung Sie belasten könnte, wenn dieser Schritt nicht ihrem tiefsten Inneren entspricht. Als Anhaltspunkt dafür entdecken Sie immer wieder – für Sie vermutlich überraschend – eine Art „positives Grundgefühl“ angesichts glücklicher Familien. Herz und Verstand scheinen nun miteinander zu ringen. Empfinden Sie es so?“ Hier wird nicht nur der Zweifel gemehrt, sondern eine Aussage der hilfesuchenden Person interpretiert und daraus eine Verunsicherung abgeleitet. Für eine neutrale Beratung ist dieses Vorgehen extrem unüblich.

Es wird weiter auf meine Gefühlslage eingegangen, darauf, dass ich in meiner Ratlosigkeit wohl lieber keinen der möglichen Wege gehen wollen würde und dass es gut sei jetzt innezuhalten, um „mehr Klarheit und inneren Frieden für eine so weitreichende Entscheidung zu gewinnen“.

Dass es angesichts meines nachfolgend beschriebenen, hormonell bedingten „Gefühlschaos“ allerdings wohl gar nicht zu dieser Klarheit kommen wird, erläutert mir die Berater:in im nächsten Satz. Hier schreibt sie, dass es mir vielleicht ein erster Trost sein könne, dass sich Schwangere zunächst in einer Art Ausnahmezustand befänden und massiv verunsichert wären, was allerdings absolut normal sei. Das ginge auch Frauen so, die eine Schwangerschaft geplant hätten. Weiterhin heißt es „Es darf auch nicht unterschätzt werden, wie groß die hormonelle Umstellung des Körpers gerade in den ersten Wochen der Schwangerschaft ist und dass sie ein regelrechtes, wenn auch vorübergehendes, Gefühlschaos auslösen kann.“ Die Berater:in macht hier nichts anderes, als mir die volle Zurechnungsfähigkeit aufgrund einer hormonellen Veränderung abzusprechen und suggeriert damit, dass eine rationale Entscheidungsfindung in dieser Phase meines Lebens nicht möglich ist. Den Aspekt der Rationalität an dieser Stelle beiseite zu schieben macht aus Sicht einer Berater:in, die mich überzeugen möchte, die Schwangerschaft zu erhalten, natürlich Sinn. Die prekäre Lage einer Studentin, die sich im weiteren E-Mailverkehr als psychisch instabil herausstellen wird, kann schließlich nicht so leicht geändert werden. Ihre Einstellung zu einer ungewollten Schwangerschaft schon, besonders wenn man dazu übergeht, Vokabular wie „Herz“ und „Herzensstimme“ zu verwenden, um dem Ganzen mehr Pathos zu verleihen.

Nach dieser vielen Unsachlichkeit wird mir kurz erklärt, dass mir der Gesetzgeber Zeit für eine Entscheidung bis zur 12. Woche nach der Befruchtung gibt.  An dieser Stelle verpasst es die Berater:in komplett, mir alle wichtigen Infos zu einem Abbruch zu geben, beispielsweise, dass ich dafür einen Beratungsschein einer staatlichen Stelle brauche und diese Stelle mir leider keinen ausstellen kann (steht stattdessen winzig im Kleingedruckten der E-Mail-Signatur), dass ich danach eine dreitägige Bedenkzeit laut Gesetz einzuhalten habe, bis ich den Abbruch vornehmen lasse und außerdem, welche Ärzt:innen und Kliniken in meinem Einzugsgebiet überhaupt Abbrüche anbieten. Wieviel mich der Abbruch kosten würde und ob die Krankenkasse eventuell die Kosten übernehmen würde, wird auch nicht genannt.

Stattdessen wird jetzt auf meine Kindheit eingegangen: „Es tut mir sehr leid [sic], wenn ich mir Ihre Kindheit vorstelle. Immer im Hinterkopf haben zu müssen, man sei eine Belastung – das stellt die eigene Person unter Umständen zutiefst in Frage. Vielleicht haben Sie sich daher eher „unauffällig“ verhalten und wollten keine „Last“ sein? Auf jeden Fall haben Sie vermutlich das freudige und spielerische Zusammenspiel Ihrer Familienangehörigen vermisst, das im besten Fall zum Kindsein hinzugehört. Und doch ist Ihre Familie wahrscheinlich froh, dass es Sie gibt und möchte Sie heute nicht missen, so hoffe ich zumindest? Welches Verhältnis haben Sie denn heute zueinander?“ Hier wird ganz klar eine Grenze überschritten.

Wer berät mich da eigentlich?

Diese christliche Organisation wirbt mit der professionellen Ausbildung ihrer Berater:innen in der „Logotherapie“ – einer in Deutschland vom „wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie“ nicht als Therapieform anerkannten Art der Gesprächsführung, deren Ziel es ist, Menschen bei der Sinnfindung zu helfen.

Es ist fraglich, inwieweit ein:e Berater:in, die mich persönlich nicht kennt und kein Anamnesegespräch mit mir führen konnte, Praktiken einer „therapeutischen Gesprächsführung“ an dieser Stelle anbringen darf. Ausgebildete Psychotherapeut:innen sind nicht nur zu ausführlicher Anamnese und persönlichem Gespräch verpflichtet, sie sind sich außerdem der Gefahr bewusst, alte Traumata mit bestimmten Fragestellungen zu reaktivieren.

Zusätzlich stellt sich doch außerdem die Frage: Warum eine therapeutische Gesprächsführung in einer Beratung anwenden? Das Ziel einer Beratung ist die unabhängige Information eines hilfesuchenden Menschen, ohne diesen dabei in seiner Entscheidungsfindung durch Suggestiv-Fragen zu lenken. Eine Therapie hingegen soll Menschen helfen, sich selbst zu verstehen und durch dieses neue Selbstverständnis eigene Lebenskrisen besser zu bewältigen. Letzteres ist, wie viele sicherlich wissen, nicht in ein paar E-Mailsitzungen mit einer anonymen Person zu erledigen und ist, meinem Empfinden nach, in einer Schwangerschaftskrisenberatung unangebracht.

Auf der Website finden sich unter dem Punkt „Qualifikation und Persönlichkeit einer Beraterin“ die Profile der Mitarbeiter:innen mit Vornamen, ohne Foto.

Die beruflichen Qualifikationen sind vielfältig: Psycholog:innen, Sozialarbeiter:innen, Ärzt:innen und Quereinsteiger:innen aus anderen Berufen sind hier gelistet. Die „wichtigsten therapeutischen Instrumente im Beratungsalltag“, die jede:r Berater:in spätestens mit ihrer Einarbeitung erlernt, sollen aus der Logotherapie, der systemischen und der lösungsorientierten Beratung stammen.

„Das Leben selbst ist es, das dem Menschen Fragen stellt. Er hat nicht zu fragen, er ist vielmehr der vom Leben her Befragte, der dem Leben zu antworten – das Leben zu ver-antworten hat.“

Mit diesem Zitat von Viktor Frankl, dem Begründer der Logotherapie, werden die Erläuterungen zu dieser Therapieform eingeleitet. Frankl selbst war Holocaust-Überlebender und entwickelte seinen Ansatz bereits in den späten 20er Jahren, 1947 erschien dann „die Psychotherapie in der Praxis“. Die Kernaussage seiner Therapieform wird oft auf den Satz „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ heruntergebrochen. Wichtig ist allerdings hier der Kontext: Frankl schrieb seine Therapiethesen in Reflexion auf den dunkelsten Abschnitt der Menschheitsgeschichte als Überlebender von Verfolgung und KZ-Inhaftierung. 

Abtreibungsgegner:innen verwenden Frankls Ansatz missbräuchlich für Geburten um jeden Preis. Denn was sie hier ausblenden ist genau das: Das Leben zu „ver-antworten“. Muss eine Frau, die sich die Erziehung von Kindern nicht zutraut, also wirklich welche in die Welt setzen? Die Gefahr ist hier groß, dass der psychische Konflikt von Betroffenen eher noch verstärkt wird und aus einem schlechten Gewissen gegenüber dem Schwangerschaftsgewebe gehandelt wird und eben nicht aus Überzeugung. Was in dem aus dem Kontext gerissenen Zitat Frankls außerdem klar wird, ist, dass der Mensch selbst nicht als vernunftbegabtes und emanzipiertes Wesen erkannt wird, sondern sich vielmehr passiv dem Lauf des Lebens zu unterwerfen hat, Umstände akzeptieren und aushalten muss, anstatt sie aktiv zu verändern.

Die Berater:innen erkennen den sogenannten „Schwangerschaftskonflikt“ also als eine Lebenskrise an, was prinzipiell erstmal stimmt (jede Veränderung im Leben kann zunächst als „Krise“ bezeichnet werden), in der den Betroffenen allerdings oft der Blick für das große Ganze fehlen würde, sie „problemfokussiert“ denken würden. Hier wird generalisiert und Frauen im Konflikt eigentlich unterstellt, sie seien nicht dazu fähig oder würden sich nicht die Mühe machen, nach einer Lösung zu suchen, die den Schwangerschaftserhalt zur Folge hat.

Die Ansätze der Logotherapie seien in diesen speziellen Fällen, in denen eine Entscheidungsfindung innerhalb eines festgesetzten zeitlichen Rahmens von wenigen Wochen bis Monaten stattfinden müsse, laut Berater:innen daher bestens geeignet.

Wofür in genau dieser Zeit jene Therapieform zweckentfremdet wird, ist, per Suggestion und Hinhalten die Betroffenen davon zu überzeugen, die Schwangerschaft nicht abzubrechen. Und das ohne Rücksichtnahme auf die Verfassung der Personen, wie sich im späteren E-Mailverlauf herausstellen wird.

Teil III: Hilfsangebot

 „Konnten Sie für sich schon mehr Klarheit finden und einen Schritt weiterkommen, oder ist gerade noch alles sehr durcheinander? Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie gerade durch eine schwere Phase gehen und sich viele Gedanken machen. Vermutlich handelt es sich um eine der schwierigsten Entscheidungen, die Sie jemals trafen – da dürfen Sie wirklich alles für sich in Anspruch nehmen, was Ihnen dazu verhilft, mit der Zeit einen Weg zu erkennen, mit dem sowohl Ihr Herz als auch Ihr Verstand übereinstimmen.“

Oft wird in Situationen wie der von Lucy angeführt, es gäbe ja genügend Hilfsangebote für Schwangere und frische Mütter. Ja, Deutschland ist ein wohlhabender Staat mit einem, zwar im Rückbau befindlichen, aber dennoch vorhandenen Sozialsystem. Wer allerdings bei der Bewertung von Reichtum und Armut nur auf die Einkommensverteilung schaut, wird übersehen, dass viele Menschen hierzulande – sind sie nicht mehr fähig ihren Beruf in gewohntem Maße auszuüben – keine oder nur unzureichende Vermögensrücklagen haben, um zu überleben. Immer noch sind, nach Erwerbslosen, Alleinerziehende im Niedriglohnsektor mit 42,7% die Gesellschaftsgruppe, die laut neuestem Armutsbericht am stärksten von Armut betroffen sind. Im Bericht von 2016 waren von 32,5% die Rede, davon 90% Frauen.

Mit diesem Risiko und manchmal auch einer noch nicht abgeschlossenen Berufsausbildung sehen sich viele Schwangere, die keine Unterstützung durch Familie und Partner:innen erhalten können, konfrontiert. Es gibt natürlich staatliche Hilfsangebote, wenn es aber um die Lebenshaltungskosten in einer Stadt wie München geht, wird es schnell knapp. Alleinerziehende tragen hier laut einer Umfrage der Süddeutschen Zeitung immer noch die höchste Mietbelastung.

Der Durchschnitt für eine Studierendenwohnung in München liegt bei 717€ Miete.  Laut der staatlichen Beratungsstelle ProFamilia rangiert das Elterngeld einkommensabhängig zwischen 300€ und 1800€ monatlich, die Höhe des Kindergeldes beim ersten Kind beläuft sich auf 192€. 450€-Jober:innen kommen daher beim Elterngeld schlecht weg. Für Alleinerziehende kann ein Unterhaltsvorschuss von 150€ in den ersten 5 Lebensjahren beantragt werden, wobei der Regelsatz mit dem Alter des Kindes erhöht wird. Der BaFög-Zuschlag für ein Kind beträgt ca. 150€. Dabei stellt sich nur die Frage, wie hoch der BaFög-Regelsatz hier ausfallen würde.

All diese Infos bekomme ich in meinem Beratungsgespräch allerdings an dieser Stelle noch nicht, stattdessen nur vage Worte: „Sind für Sie denn derzeit Fragen offen, gerade auch was Ihre finanziellen Sorgen anbelangt? Vielleicht konnte meine letzte Mail Ihnen diesbezüglich einen ersten Hoffnungsschimmer vermitteln. Gerne helfe ich Ihnen dabei, jede Hürde, die Sie im Moment sehen, zu beleuchten und von der Stelle zu bewegen, damit für Sie allmählich ein passender Weg sichtbar wird. Die Lebensumstände können wir mit etwas Geduld und Ideenreichtum ändern, während unsere Herzensstimme ein Leben lang die gleiche bleibt. Können Sie in diesen Tagen wahrnehmen, was Letztere zu Ihnen spricht?“

Die Herzensstimme. Da ist sie wieder.  Was eine Betroffene in diesem Moment braucht, sind klare Hilfsangebote, wie sie eine staatliche Stelle geben kann. Mir wird also eher suggeriert, dass ich im Falle einer Abtreibung lebenslang ein schlechtes Gewissen mit mir herumtragen werde und finanzielle Nöte nur ein marginales Problemchen sind.

Ich will herausfinden, wie denn die finanzielle Unterstützung durch die Organisation aussehen könnte und antworte, dass ich mich in der letzten Zeit mit meinen Gedanken zurückgezogen habe, bedanke mich brav für die erste Hilfe. Ich erläutere weiterhin meine großen finanziellen Sorgen und frage explizit nach einem bereits erwähnten Beratungsangebot. Außerdem erkläre ich, dass ich keine genaue Vorstellung zum Vorgang einer Abtreibung hätte und im Netz auf extrem beängstigende Szenarien gestoßen sei, deren Wahrheitsgehalt ich nicht einschätzen könne. Ich frage also nach weiteren Infos.

Die Antwort kommt schnell: Ich solle meine derzeitige Situation genauer beschreiben. Ob ich in Corona-Kurzarbeit sei, berufstätig oder Geld vom Amt beziehe.

Sollte ich trotz staatlicher Gelder finanzielle Sorgen haben, könnten sie mir dank ihres Förderprogrammes weitere Zuschüsse zukommen lassen, die individuell an meine Lebensumstände angepasst würden. Auf Nachfrage, wie hoch denn diese Förderung in etwa ausfiele, bekomme ich in der Folge-Mail keine klaren Angaben.

Auch bei der Anschaffung der „Baby-Utensilien“ könne mir die Organisation unterstützend zur Seite stehen.  „Lassen Sie mich gerne wissen, an welchen Stellen Sie ‚der Schuh drückt‘. Vielleicht eröffnet sich dadurch für Sie eine neue Perspektive?“

Was den Vorgang einer Abtreibung angeht, werde ich nur auf Links verwiesen, die mich wieder auf die Website der Organisation leiten.

In 10 Schritten wird den Betroffenen hier erklärt, was aus Berater:innensicht alles nötig ist, um eine Abtreibung vornehmen zu können. Immerhin wird in Schritt 5 erwähnt, dass eine Beratung und das Ausstellen eines Beratungsscheins einer staatlichen Stelle notwendig sind. In Schritt 8 wird allerdings nochmals darauf eingegangen, dass es nach dem Gespräch mit den durchführenden Ärzt:innen ratsam sei, sich nochmals Zeit für sich zu nehmen, um „Herz und Verstand zu befragen“ und abzuwägen, mit welchem Weg man „langfristig gesehen im Einklang“ sei. Als „wichtig“ wird hier fettgedruckt hervorgehoben, dass die betroffene Person bis zum letzten Moment die Freiheit habe, den Termin abzusagen, „Falls sich in Dir etwas regt, was Du noch gerne genauer anschauen würdest!“.

Im 10. Schritt wird auf den Umgang mit der Entscheidung zum Abbruch eingegangen und auf das Forum verwiesen, in dem Frauen* von ihrer Abtreibung berichten.

Hier finden sich überwiegend Foreneinträge, die von Bedauern und Trauer um den Fötus handeln. Auf der ersten Seite finde ich lediglich 2 Berichte von Menschen, die sich positiv über ihre Entscheidung äußern. Die Echtheit dieser Berichte lässt sich natürlich nicht überprüfen.

Was die Erklärung der Methoden angeht, wird hier tatsächlich relativ ausführlich beschrieben, wie die unterschiedlichen Eingriffe verlaufen. Unter dem Punkt „Risiken“ bei der Methode der Ausschabung jedoch, findet sich bereits der erste Abtreibungsmythos: Nach einer Ausschabung sei das Risiko für spätere Fehl- und Frühgeburten erhöht, außerdem soll es zu „Verwachsungen“ im Uterus kommen können. Hierzu durchgeführte Studien konnten bisher keinen Zusammenhang dieser Problematik und einem Abbruch feststellen, eher im Gegenteil.

Der Mythos der Unfruchtbarkeit nach einem Abbruch entstammt noch Zeiten, in denen illegal abgetrieben oder die Basishygiene bei operativen Eingriffen nicht eingehalten wurde. Jede Operation birgt Risiken. Wird die Curettage oder auch die Absaugung allerdings standardmäßig durchgeführt, sind „Verwachsungen“ nicht und Verletzungen der Cervix nur äußerst selten zu erwarten. Weil ich schon mal dabei bin, interessiert mich der eigene Menü-Punkt zu den Folgen und Risiken eines Schwangerschaftsabbruchs. Dabei werde ich zu weiteren Abtreibungsmythen fündig: Vielen Frauen drohten eine posttraumatische Belastungsstörung, schwere Depressionen und psychosomatische Probleme, besonders rund um den eigentlichen Geburtstermin des abgetriebenen Fötus. Dass dieses Narrativ von Abtreibungsgegner:innen gezielt genutzt wird, um Abbrüche zu kriminalisieren, zeigte nicht zuletzt eine Untersuchung des britischen National Collaborating Centre for Mental Health. Ein zentrales Ergebnis der Studie war, dass Schwangerschaftsabbrüche das Risiko für psychische Erkrankungen bei Betroffenen nicht erhöhen.

ProFamilia stellt in einem Dokument zu psychologischen Aspekten des Abbruchs eine Übersicht zur derzeitigen Studienlage bereit, aus der hervorgeht, dass all die beschriebenen Probleme von ehemals Schwangeren nicht mit einem einmaligen Abbruch innerhalb der ersten drei Schwangerschaftsmonate in Verbindung stehen, sondern vielmehr ihre Ursachen in der Stigmatisierung von Abbrüchen, der Notwendigkeit der Geheimhaltung, wenig sozialer Unterstützung und besonders in bereits bestehenden psychischen Problemen liegen.

Teil IV: Der Vater

„Was spricht denn der Vater des Kindes zu Ihren Überlegungen?“

Ein Klassiker unter Abtreibungsgegner:innen ist die konsequente Verwendung des Terminus „Kind“ in Bezug auf das Schwangerschaftsgewebe oder den Fötus. Aus medizinischer Sicht beginnt das Kindesalter mit dem 2. Lebensjahr. Wie mir bei dieser Organisation auffällt, wird auch gerne der Mann* als Sündenbock für den Schwangerschaftskonflikt verwendet, typische Rollenbilder reproduziert und Klischees über toxische Maskulinität bedient. Unter den Menü-Punkten „ungeplant schwanger“ und „Beziehungsprobleme – er will das Kind nicht“ wird in 4 Punkten im „Brigitte“-Stil die als typisch angenommene männliche Haltung zu Schwangerschaft abgehandelt. Männer würden Probleme generell eher rational angehen, da wäre eine Abtreibung natürlich in ihren Augen die vernünftigste Lösung zu der Frage, ob die Beziehung die Verantwortung für ein Kind übernehmen kann und die Lebensumstände eine Familiengründung erlauben. Auf der Website heißt es dazu unter anderem: „Doch oft spürt eine Frau, dass es nicht so einfach ist, sondern dass diese Entscheidung das ganze Wesen betrifft – Körper, Herz, Psyche, Verstand – und auch einen bleibenden Einfluß auf die Beziehung selbst haben wird. Und so kann das Gefühl entstehen, nicht verstanden oder gar zurückgewiesen und alleine gelassen zu sein.“

Hier geben die Abtreibungsgegner:innen den männlich sozialisierten Menschen noch eine Chance: Es gebe Grund zur Hoffnung – meistens bleibe es nicht bei der männlichen Ablehnung.

In der folgenden Mail geht die Berater:in schließlich noch oberflächlich auf eine Aufzählung staatlicher Finanzierungsmöglichkeiten ein, allerdings nur rudimentär. Außerdem lässt sie durchscheinen, dass sie gerade besonders viel Herzblut in ihre Beratung mit mir steckt, da sie sich jetzt trotz interner Fortbildung noch an die Recherche für mich setzt.

Was meine Anfrage auf Unterstützung durch die Organisation angeht, wird sich weiterhin bedeckt gehalten: „Wie hoch unsere Zahlungen dann im Ernstfall sein sollten, schauen wir dann, wenn Sie Ihre Lage einigermaßen abschätzen können.“

Das hilft überhaupt nicht weiter, stattdessen wird mir noch ein Telefongespräch angeboten.

Den Schlusssatz bildet wie so oft eine Floskel darüber, dass ich mir mal eine Auszeit gönnen solle und aus dem „Gedankenkarussell“ aussteigen solle. Das hält eine Betroffene hin.

In meiner Antwort-Mail entschuldige ich mich für die viele Arbeit, die ich ihr verursachen würde und das, obwohl ich immer noch nicht wisse, wie es weitergehen solle.

Die Idee, einen Studienkredit aufzunehmen und mich zu verschulden, finde ich nicht gut, außerdem würden mir im Falle eines Studienkredits keine Pausensemester finanziert werden. Kurzum: all das könne ich mir nicht vorstellen. Ich versichere, dass ich auf jeden Fall bald mit meinem Partner rede, und würde außerdem gerne wissen, ob sie mir einen Beratungsschein ausstellen könnten, falls ich mich für die Abtreibung entscheide.

Die Mail am nächsten Tag zeigt klar, wie Betroffene in ihrer Entscheidungsfindung durch Ausnutzen der eigenen psychischen Verletzungen manipuliert werden. Zunächst wird mir gut zugeredet, ich müsse mich für nichts entschuldigen, ich brauche schließlich Zeit, um mich zu informieren. „Denn letztlich geht es um eine sehr existenzielle Frage, die in erster Linie auf Ihr Leben deutliche Konsequenzen haben wird.“

Jetzt kommt die Berater:in auf meine Ablehnung ihrer Idee des Studienkredits zu sprechen und nimmt bewusst Bezug auf einen ihrer Sätze aus einer der ersten Mails, in der sie beschrieben hatte, dass ich mir wohl innerhalb meiner Familie oft wie eine „Last“ vorgekommen sein mag: „Eine langfristige „Belastung“ möchten Sie nur ungern eingehen. Und doch ahnen Sie vermutlich, dass auch [sic] ein möglicher Abbruch Folgen haben könnte, wenn auch ein wenig anders gelagert.“ Die Zeichensetzung für „Belastung“ ließ in mir den Schluss zu, dass sie hier Bezug auf zwei Dinge nimmt: einerseits darauf, ein Leben mit Kind als Belastung zu sehen, andererseits auf Lucys Vergangenheit.

Außerdem werden mir hier wieder Gefühle und Gedanken suggeriert, die mich zweifeln lassen sollen.

Meine Frage nach dem Beratungsschein wird wahrheitsgemäß beantwortet, auch die Bedenkzeit von drei Tagen wird genannt. In der Signatur und auf der Website könne ich die Notwendigkeit einer staatlichen Beratung dafür nachlesen.  

Jetzt kommt die Berater:in auf Lucys Partner zu sprechen, sie wolle ihm ja heute von der Schwangerschaft berichten. „Ich wünsche Ihnen, dass seine erste Reaktion Sie nicht vor den Kopf stößt.“

Teil IV: Ich möchte einen Abbruch

„Ich habe meinen Entschluss gefasst. Ich werde die Schwangerschaft abbrechen.“

Auch wenn ich nicht schwanger bin, wird es jetzt langsam belastend. Je mehr ich mich mit der Szene und den vielen zusammenhängenden Organisationen auseinandersetze, desto mehr Abwehr wächst in mir, mich überhaupt noch mit dem Thema zu beschäftigen. Ich teile der Berater:in mit, dass ich mich mit meinem Partner und Freund:innen beraten hätte, alle Optionen abgeklärt hätte und zum Schluss gekommen sei, zu diesem Zeitpunkt kein Kind haben zu können, auch wenn mein Partner positiv reagiert hätte und hinter mir stehen würde, egal wie meine Entscheidung ausfiele. Ich erkläre weiterhin, mich psychisch nicht stabil genug zu fühlen, um ein Kind aufzuziehen, ich sei sehr belastet, hätte kaum Energie, mich richtig um mich selbst zu kümmern. Wie solle das zusätzlich mit einem Kind funktionieren? In den vorigen Mails hatte ich außerdem berichtet, dass mich mein:e Gynäkolog:in bestens aufgeklärt habe und ich jetzt ein differenzierteres Bild vom Abbruch hätte, das habe mir die Angst genommen.

Dafür, dass diese Entscheidung seitens der Beratung noch zuvor als lebensverändernd eingestuft wurde, wird meine Nachricht recht flapsig beantwortet: „Danke für […] und ihr kleines, ehrliches und nachdenkliches Update.“

Meine Entscheidung wird im nachfolgenden komplett ignoriert. Meine Berater:in zeigt sich überrascht von der positiven Reaktion meines Partners, sagt, es würde zeigen, wie sehr er mich schätzen und mir „durchaus auch ein Kind zutrauen würde, oder?“ „Offensichtlich würde er Sie auch nicht allein lassen, wie Sie gedacht hatten. Das gibt Ihnen wiederum die Freiheit, in Ihren Überlegungen ganz bei sich zu bleiben.“

Weiter schreibt sie, dass das Vertrauen meines Partners meiner eigenen Selbsteinschätzung, ich sei momentan wenig belastbar, entgegenstehe. Nicht nur, dass meine Entscheidung komplett ignoriert wird – jetzt werden Zweifel an meiner Wahrnehmung geweckt. Diese Formulierungen können eine tatsächlich betroffene Person in psychische Ausnahmesituationen treiben. Da ich es hier mit geschultem Personal zu tun habe, kann ich mir sicher sein, dass diese Aussagen mit vollkommener Absicht und dem Ziel der Verunsicherung der Hilfesuchenden getätigt werden. Anstatt mir nötige Hilfsangebote zur psychischen Unterstützung weiterzuleiten, lenkt sie nun das Gespräch auf die Möglichkeit, mir Entlastung durch eine Tagesmutter oder Babysitter zu holen. „Dies schreibe ich Ihnen als Information für ihren Hinterkopf, falls Sie sich doch noch hin- und hergerissen fühlen sollten.“

Im Folgenden werden weiterhin meine Bedenken bestärkt, anstatt meine getroffene Entscheidung unterstützt: „Denn mit dem Szenario „Abtreibung“ konnten Sie sich vor kurzem [sic] ja auch noch nicht so richtig anfreunden. Liebe Lucy, ich stelle mir vor, dass das alles gerade nicht einfach ist für Sie. Haben Sie denn schon weitere Schritte eingeleitet? Dabei bleibt Ihnen letztlich immer noch die Gelegenheit, weiterhin in sich hineinzuhören [sic] und Ihre innersten Emotionen wahrzunehmen.“

Abtreibungsgegner:innen benutzen gerne bewusst den alten Begriff der „Abtreibung“ als negativ wertend, wenn sie den willentlich herbeigeführten Schwangerschaftsabbruch mit Mord gleichsetzen wollen. Im Zuge der Frauenbewegung wurde dieser Begriff jedoch wieder aufgegriffen und versucht, ihn positiv zu besetzen, um ihn nicht der Pro-Life-Bewegung zu überlassen.

Mich und meine Entscheidung hier negativ zu bewerten, ist das Ziel dieser Formulierung, denn bisher habe ich in meinen Mails die Begriffe „Abbruch“ oder „Schwangerschaftsabbruch“ verwendet. Mir wird also eine falsche Entscheidung suggeriert, die ich nur rational getroffen haben kann, ohne dabei auf meine „Emotionen“ zu hören.

„Herzensstimme“

Auf den Zug der Verunsicherungsstrategie springe ich natürlich gerne auf und erzähle, dass mich die letzte Mail sehr verunsichert habe, dass ich verzweifelt sei. Ich hätte zwar den Beratungsschein bei Pro Familia in einem sehr verständnisvollen Gespräch erhalten, sei jetzt aber nicht mehr meiner Entscheidung sicher. Die Zeit würde knapp und ich wisse nicht mehr weiter.

Die nächste Mail meiner Berater:in trägt den Titel „Herzensstimme“ und drückt nun tief in die aufgerissene Wunde. Natürlich wird Mitleid bekundet, andererseits wird nachgefragt, was denn wohl meine Zweifel provoziert hätte und ob es jetzt nicht vielleicht gut wäre, diese wahrzunehmen? Ich werde aufgefordert zu beschreiben, was genau die Zweifel ausgelöst habe. „Womöglich meldet sich in Ihnen eine Stimme, mit der Sie so nicht gerechnet hatten? Das ist nicht selten so, dass sich angesichts einer Abtreibung noch eine Stimme aus unserem Inneren einschaltet. Manche Frauen sagen, es sei ihr Herz, das wie [sic] ein rotes Stopp-Schild hochhält und noch nach weiteren Lösungen sucht.“ In weiteren manipulativen Sätzen, meine Emotionen betreffend, wird weiterhin versucht, meine Zweifel zu bestärken.

Eine weitere Strategie, neben dem Angebot von Geld, ist in dieser Organisation auch das Zeitschinden. Es wird weiterhin darauf eingegangen, dass ich vermutlich Zeitdruck verspüre und mir ja die „Zeit zwischen den Fingern“ zerrinne. „Sollten in Ihnen doch Zweifel herrschen, möchte ich Sie tatsächlich ermutigen, sich die Zeit zu nehmen, die Sie brauchen.“ Für den operativen Eingriff hätte ich noch genügend Zeit, für den medikamentösen Abbruch (bis Ende 9.SSW) würde es langsam knapp.  „Vermutlich ist diese lange Bedenkzeit nicht umsonst so eingerichtet, weil es vielen Schwangeren so geht, dass sich ihre Einstellung mit der Zeit verändert.“

Dagegen sprechen die Erfahrung von Gynäkolog:innen wie Dr. Laura Méritt, die in ihrem Buch „Frauenkörper neu gesehen“ beschreibt, dass die größte emotionale Belastung einer Frau vor dem Schwangerschaftsabbruch liegt, sich danach jedoch meist Erleichterung und Bestätigung für die Entscheidung einstellt.

Eigentlich wollte ich nach dieser Mail die Konversation beenden. Als ich 4 Tage später wieder eine Mail von der Urlaubsvertretung meiner Berater:in im Postfach sehe, möchte ich herausfinden, wie sie reagiert, wenn eine Betroffene durch ihre Manipulationsstrategien in eine psychische Krise fällt.

Da mich die ursprüngliche Berater:in nach den möglichen Ursachen der Zweifel an meiner Entscheidung zum Abbruch gefragt hat, nenne ich ihr zuerst die Bilder von einem möglichen Leben mit Kind, die ihre Mails in mir provozieren. Auch dass mir suggeriert wurde, mein Partner traue mir wohl mehr zu als ich mir selbst, habe in mir den Eindruck erweckt, dass meine Selbstwahrnehmung nicht mit der Realität übereinstimmen könnte. Ich wisse gerade nicht mehr, was ich mir zutrauen könne und denke, andere wüssten besser über mich und meine Grenzen Bescheid als ich selbst.

Als nächstes kommt ein Punkt, der mich tatsächlich bereits viel persönlich beschäftigt hat: Was, wenn ich das Kind nicht annehmen kann? „Ich habe große Angst vor dem Moment, indem es zu mir gelegt wird und ich es nicht sehen will.“ Ich möchte hiermit erfahren, inwiefern die Berater:innen mich an psychotherapeutisches Fachpersonal weiterleiten, vielleicht in ihrer Argumentation zurückrudern, wenn sie sehen, dass sie dabei sind, mich in eine weitere depressive Episode laufen zu lassen, und letztlich auch, wie sie mit den Themen der postpartalen (= nach der Entbindung) Depression umgehen.

Ich schreibe, dass ich mir selbst noch 3 Tage für eine endgültige Entscheidung gebe, da ich am Ende mit den Nerven sei.

Wie zu erwarten, wird auf die entstehende Problematik nicht fachlich reagiert, ganz im Gegenteil: In den folgenden Zeilen wird mir suggeriert, dass ich angesichts einer ungewollten Schwangerschaft mich und meine Wünsche, meine Ziele und Zukunft hinten anstellen muss – der Liebe zum Kind wegen. „Manchmal bittet Liebe darum, unseren Wunsch nach Autonomie und nach Sicherheit ein Stückchen zur Seite zu schieben.“ „Du zuerst und dann auch ich!“. „Ihr Ringen um eine gute Entscheidung zeigt, dass ihnen [sic] die Liebe zu ihrem Kind nicht egal ist. Auch wenn es für Sie ein Prozess sein wird, in der Liebe zu ihrem Kind zu wachsen – ehrlich gesagt, ist es das für jeden Menschen – so ermutige ich Sie, der Spur der Liebe zu folgen.“

Kein Wort über Hilfsangebote, keine klare Benennung von möglichen Problemen. Eine unabhängige und klient:innenorientierte Beratung sieht anders aus.

Psychische Probleme rund um den Geburtszeitpunkt können in drei Kategorien abgestuft werden: das postpartale Stimmungstief betrifft rund 50% der Mütter, beginnt um den 3.-5. Tag nach Geburt, hält für etwa 14 Tage an und vergeht in der Regel ohne Behandlungsbedarf, was nicht heißt, dass dieser Zustand nicht ernstzunehmen sei. Dazu abzugrenzen sind peripartale Depression und peripartale Angst- und Zwangsstörung die sich in einem Spektrum von leichten Anpassungsstörungen bis hin zu schweren Verläufen wie Suizidalität bewegen. Dies betrifft laut Selbsthilfeorganisation „Schatten und Licht e.V.“ ungefähr 10-20% aller Mütter in Deutschland. Ursächlich können hier vorangegangene psychische Probleme der Mütter sein, eine problematische Kindheit oder traumatische Erlebnisse während der Geburt. Die Depression äußert sich unter anderem in starkem Desinteresse am Kind, destruktiven Zwangsgedanken, die keine Handlung zur Folge haben, Schuldgefühle, innere Leere und im schlimmsten Fall Suizidgedanken. Übrigens tritt diese Form der Depression auch bei Männern* auf. Egal welche Geschlechterrolle es betrifft, tabuisiert wird dieser Zustand gesellschaftlich mindestens genauso stark wie das „regretting motherhood“. Immerhin sind derzeit auf der Seite der Marcé Gesellschaft für peripartale psychische Erkrankungen 87 Kliniken deutschlandweit zu finden, die Therapien für Betroffene Anbieten, das sind 22 mehr als noch 2012.

Bezüglich meiner Zweifel an der Selbstwahrnehmung wird mir erklärt, dass Realität bedeute, sich Hilfe zu suchen und in Abhängigkeiten zu begeben. Ich könne in meinem Umfeld lernen, meine Realität anzunehmen, was konkret meint, ich solle mich ab jetzt an meine Abhängigkeit von anderen Menschen gewöhnen und die Dinge hinnehmen, wie sie sind.

„Ich kann mir vorstellen, dass es für Sie eine sehr wertvolle Erfahrung wird.“

Zuletzt wird dann doch noch kurz auf die betroffene Person eingegangen, indem mir wieder mal gesagt wird, ich solle heute mal auf mich schauen.

Nach dieser Nachricht beschließe ich, den Mailverkehr einzustellen. Ich erhalte noch zwei weitere Mails der Berater:innen, in denen sie sich nach mir und meiner Entscheidung erkundigen und dabei wieder Bezug auf meinen Fragebogen nehmen: „Ich hoffe sehr, dass Sie inzwischen erahnen können, wie es für Sie gut weitergehen kann, zur Stärkung eines positiven Grundgefühls (diesen Begriff hatten sie beim Ausfüllen ihres Tests damals verwendet).“

Teil V: Abschließende Gedanken

Mir ist bewusst, dass nicht nur in mir beim Verfassen dieses Textes Gefühle von Wut, Ärger und einem Stück weit auch Ohnmacht hochkochen, sondern auch bei den Leser:innen.

Es ist verstörend, von einer Organisation zu lesen, die sich das christliche Mitgefühl auf die Fahnen schreibt und letztlich Ansätze therapeutischer Gesprächstherapie missbraucht, um über Suggestion und Manipulation in Not befindliche Menschen auszunutzen und ihnen die eigene Ideologie aufzuzwingen.

Besonders schwer wiegt hier für mich der mögliche Einfluss dieser Organisationen auf das Leben Minderjähriger, deren Schutz vor falschen Beratungsangeboten nur durch die konsequente Schließung dieser Stellen gewährleistet werden kann.

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